Stöckelschuh mit Sextoy

Die neue Direktorin Bettina Leidl führt das Kunsthaus Wien auf flachen Sohlen in die Zukunft

Lexikon | Interview: Nicole Scheyerer | aus FALTER 25/14 vom 18.06.2014


Kein Schuh für jeden Tag: INSA, Anything goes when it comes to shoes, UK 2010 (Foto: INSA/Kunsthaus Wien)

Kein Schuh für jeden Tag: INSA, Anything goes when it comes to shoes, UK 2010 (Foto: INSA/Kunsthaus Wien)

Das Kunsthaus Wien hat eine neue Direktorin: Nach 14-jähriger Geschäftsführung der Kunsthalle Wien und zwei Jahren als Leiterin der Kreativagentur Departure kümmert sich Bettina Leidl seit April um die Agenden des Hundertwasser-Museums. Ab dieser Woche ist dort die vom Grassi Museum in Leipzig übernommene Schau „SHOEting Stars“ zu sehen, die sich experimentellem Schuhdesign widmet.

Das Gespräch mit Leidl fand im bewaldeten Garten der Dachwohnung statt, die Hundertwasser für sich selbst geplant hat. Auch die permanente Museumspräsentation richtete der Künstler noch persönlich ein. Mit der neuen Leiterin und dem 25-jährigen Jubiläum 2016 dürfte Schwung in das bunte Kachelhaus kommen.

Falter: Sie tragen flache Schuhe. Haben Sie sich schon an die unebenen Böden im Kunsthaus gewöhnt?

Bettina Leidl: Natürlich schaut man da nach etwas Passendem. Ich bevorzuge Sneakers oder Ballerinas. Aber es kommt auf den Anlass an, es befinden sich auch einige High Heels in meinem Schuhkasten.

Besuchen das Kunsthaus vor
allem Touristen?

Leidl: Nein, wir haben für unsere exponierte Lage ganz tolle Statistiken. Im Vorjahr waren 120.000 zahlende Besucher da, davon 55 bis 60 Prozent Touristen. Es kommen auch extrem viele Schulklassen, über 15.000 Schüler.

Welche Ausrichtung möchten Sie
dem Kunsthaus geben?

Leidl: Ich möchte stärker auf die lokalen Szenen zugehen, denn es ist doch ein mit öffentlichen Geldern finanziertes Haus und da finde ich es wichtig, dass die Künstler, die hier leben und arbeiten, sich auch entsprechend vertreten fühlen. Ich habe in Abstimmung mit den Kuratorinnen auch in die Ausstellung „SHOEting Stars“ Wiener Künstlerinnen wie Birgit Jürgenssen, Deborah Sengl und Irene Andessner eingebunden, die wesentliche Werke zum Thema Schuh haben.

Ins Kunsthaus kam man bisher vor allem wegen Fotoausstellungen. Werden Sie diesen Kurs fortsetzen?

Leidl: Hier wurde mit der Fotografie sehr viel Aufbauarbeit geleistet. Man hat letztlich zwei Marken in einem Haus, das Hundertwasser-Museum und Wechselausstellungen, so war das Haus schon von Anfang an konzipiert. Ich sehe, wie spannend die Künstlerpersönlichkeit Hundertwasser ist, auch mit den Reibungen, die es rund um ihn gibt. In den letzten Jahren fanden interessante Hundertwasser-Ausstellungen statt, im Belvedere zu seiner Zeit in Japan, oder die Retrospektive in der Kunsthalle Bremen, die auch Hundertwassers Performances wie die „Hamburger Linie“ mit Bazon Brock, gezeigt hat. Gerade läuft eine wunderbare Schau in Arken in Dänemark. Ab den 1970er-Jahren hat sich Hundertwasser verstärkt mit ökologischen Fragen auseinandergesetzt, etwa durch sein Engagement für Mülltrennung und den Umweltschutz. Eine zukünftige Ausstellung könnte fragen, wo heute die Künstler sind, die sich mit ökologischen Themen beschäftigen.

Hundertwasser hat selbst Sandalen und Winterschuhe gefertigt. Werden die auch in „SHOEting Stars“ gezeigt?

Leidl: Es wird ein Foto davon zu sehen sein. Hundertwasser hat sich ja auch seine Kleidung selbst genäht, da ihn der Recycling- und Nachhaltigkeitsgedanke sehr beschäftigte.

Ist die Schau eher eine Kunst- oder eine Designausstellung?

Leidl: Das Interessante ist, dass sich diese Unterscheidungen verwischen. Es gibt Schuhkreationen, die untragbar aussehen, es aber nicht sind. Etwa die Stöckelschuhe ohne Fußbett von Julian Hawkes: Als Architekt mit Erfahrung Brückenbau hat er herausgefunden, dass bei einer Absatzhöhe von neun Zentimetern die optimale Verteilung auf Ballen und Ferse gewährleistet ist. Der Rist selbst fungiert mit seinen Muskeln wie eine Brücke.

Welche Rolle spielt neues Material?

Leidl: Wir zeigen den ersten Schuh aus dem 3D-Drucker oder Social Design in Form von Turnschuhen für Obdachlose, die Energie speichern, mit der man dann Tee wärmen kann. Mich faszinieren auch die filigranen Objekte, die Kaarina Kaikkonen aus den Schuhen ihrer verstorbenen Mutter gemacht hat. Die muten wie Insekten an.

Psychoanalytische Theorien zum Fetisch Schuh sagen ja, der Stöckel stelle eine Art Penis-Ersatz dar?

Leidl: Wir zeigen etwa Caro Peirs’ „Fetish Shoe“, der Sexspielzeug verarbeitet. Als Fetisch funktionieren Schuhe aber auch ohne Trägerin. Es liegt im Auge des Betrachters, ob der Stöckel die Frau erhöht oder schwächt. Wir werden im Foyer einen High-Heels-Parcours mit Stöckelschuhen bis Größe 47 einrichten. Da können die Herren einmal ausprobieren, wie es sich in High Heels läuft.

Kunsthaus Wien, bis 5.10.


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