Enthusiasmuskolumne Diesmal: Die beste Schauspielerin der Welt der Woche

Olivia, allein mit zwei Kindern

Feuilleton | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 26/14 vom 25.06.2014

Ende des Jahres wird Richard Linklaters Film "Boyhood" als jenes Kunstwerk dastehen, auf das sich 2014 alle einigen konnten - jedenfalls alle, die der Herrgott mit hinreichend Sitzfleisch ausgestattet hat und die sich vom Holländer-Michl nicht das Herz austauschen haben lassen.

Das ungewöhnliche Projekt, für das sich Regisseur Linklater und sein Team zwölf Jahre und 39 Drehtage lang Zeit genommen haben, Mason (Ellar Coltrane) durch dessen Kindheit und Pubertät bis an die Schwelle des Erwachsenseins zu begleiten, ist zwar auch in diesem Blatt schon ausgiebig gelobt und gewürdigt worden, es soll aber niemand behaupten, er oder sie wäre nicht eindringlich genug aufgefordert worden, sich drei erstaunlich kurzweilige Stunden lang in ein dunkles Kino zu verkrümeln, statt im Deckchair zu lümmeln. Und am Freitag, dem 27.6. könnte es zu spät sein!

Wer den Film gesehen hat, wird danach eventuell gar nicht viel reden wollen. Eine Frage aber wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auftauchen: Wann, verdammt noch mal, sah man diese Patricia Arquette eigentlich zuletzt im Kino? Dass die an der Seite von Christian Slater in "True Romance" vor brutalen Koksdealern flüchten musste, ist mittlerweile ja auch schon 20 Jahre her.

Die Rolle der Olivia in "Boyhood" passt bestens zu dieser Karriere, die nie so richtig in Gang kam. Wo Ethan Hawke den flamboyanten Weekend-Daddy gibt, repräsentiert Arquette als alleinerziehende Mutter das Realitätsprinzip; sie hat Hausaufgabenstress, muss auf die Kohle schauen und aus diesem Grunde auch ständig Umzüge organisieren. Und dann zieht auch noch der Sohn aus: "I thought there was more!", leistet sich die so kontrollierte Frau am Ende einen Gefühlsausbruch - und wir weinen mit ihr.


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