Tiere

Fragwürdig

Falter & Meinung | aus FALTER 26/14 vom 25.06.2014


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

„So!“, sage ich und entspanne meinen Blick, bis dieser wie die Luft an einem dunstigen Sommertag die Welt weichzeichnet. Ein gefährlicher Stoßseufzer in Arbeitsbiotopen, denn wer „So!“ sagt, hat bekanntlich nichts mehr zu tun und bekommt vom Chef sofort einen Wäschekorb mit ranzigen Aufgaben zugeteilt. Da ich in einer kuscheligen Ich-AG sowohl Mitarbeiter als auch Vorgesetzter meiner selbst bin, öffne ich mir selbst befehlend und widerwillig den Mail-Ordner „Einfache_aber_schwierige_Leserfragen“. Hier lege ich alle Zuschriften ab, die mit „Warum“ beginnen. So wie zum Beispiel jene Anfrage von Frau M.: „Warum klettern Gehäuseschnecken auf erhöhte Stellen (Baumstämme, Wände) und kleben sich dort fest?!“ Die doppelten Satzzeichen am Ende deuten auf erhöhten Leidensdruck hin, der von einer sozialen Umgebung erzeugt wird, die nur mit Achselzucken und verständnislosem Augenrollen auf eine interessante Naturbeobachtung reagiert. Frau M. hat auch selbst recherchiert, doch die Ergebnisse waren unbefriedigend. In der Fachliteratur fand sie nur „banale Molluskeninfos“, aber nichts zu sonderbaren Verhaltensweisen oder dem Baumkraxeln dieser wirbellosen Wesen.

Im Internet wiederum texten selbsternannte Schneckenflüsterer entweder krude Theorien („parasitär wahnsinnig gewordene Schnecken, die sich dem Freitod aussetzen“) oder einfach unsinnige Behauptungen („wärmen sich als wechselwarme Tiere an sonnigen Stellen auf“).

Auch wenn diese Antworten falsch sind, so zeigen sie doch, dass sich diese Frage zu scheinbar verirrten Schnecken schon mehrere Leute gestellt haben. Zum Glück ist guter Rat – entgegen landläufiger Meinung – nicht teuer, sondern hier um 3,20 Euro erhältlich. Diese Schnecken sind jedenfalls auf der Flucht. Je nach Lebensraum und Jahreszeit versuchen sie, ungünstigen Lebensbedingungen zu entkommen. Im Sommer fliehen sie vor der Hitze, die in Bodennähe am größten ist. Dann findet man sie oft in großen Ansammlungen an den Zweigen der Büsche. Im Frühjahr hingegen weichen sie Hochwassern oder zu großer Bodennässe aus. Und auch dazu klettern sie in die Höhe. Das Gleiche tun wir Menschen in solchen Situationen. Manchmal wollen sie mit ihren süßen, kleinen Raspelzungen auch nur etwas Kalk von einer Hauswand lecken. Und auch so etwas tun Kleinkinder, wenn es ihnen an Mineralstoffen mangelt.

So!


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