Kommentar Erinnerungskultur

Wir könnten mehr als nur des Ersten Weltkriegs gedenken!

Falter & Meinung | BARBARA TÓTH | aus FALTER 26/14 vom 25.06.2014

Was hätte Wolfgang Schüssel aus dem Gedenkjahr 2014 gemacht? Das ist ein merkwürdiges Gedankenspiel, aber ein berechtigtes. Heuer erinnern wir uns an den 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Kein großer Buchverlag, der nicht mit beeindruckenden Wälzern zum Thema aufwartet, kaum ein Museum, das nichts aufbietet.

Aber abgesehen davon gäbe es noch zumindest zwei magische Daten zu feiern, die Österreichs Geschichte verändert haben: 25 Jahre seit 1989, als der Eiserne Vorhang fiel. Und 20 Jahre, seit sich Österreich 1994 per Volksabstimmung für den Beitritt zur EU entschied -samt darauffolgendem Reform-und Modernisierungsschub.

Womit wir bei Schüssel wären. Was hatte sich der Kanzler der schwarzblauen Wenderegierung nicht alles vorhalten lassen müssen, als er das Jahr 2005 zum großen nationalen "Gedankenjahr" ausrief. Vieles an der Kritik war damals berechtigt. Schüssel nutzte das Erinnern an den 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, vor allem aber das 50-jährige Jubiläum des Staatsvertrags geschickt für seine parteipolitischen Interessen aus. Die schwarzen Gründerväter der Republik wurden intensivst bejubelt, die roten sachte weggeblendet.

Eines muss man Schüssel aber lassen: Er hatte historisches Bewusstsein, und er war bereit, mit Geschichte symbolische Politik zu machen. Er als Kanzler hätte Österreichs Ja für Europa heuer sicher groß inszeniert und gefeiert. Werner Faymann und Michael Spindelegger hingegen fällt dazu nichts ein. Dabei war die parteiübergreifende Kampagne für den EU-Beitritt 1994 das letzte große gemeinsame Projekt der großen Koalition. Umso schlimmer. Denn auch das scheint schon vergessen.


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