Mehr Inhalt als Hülle

Das Mak feiert Hans Hollein als einen Architekten, der sich nicht nur in Bauwerken ausdrückte

Lexikon | INTERVIEW: MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 27/14 vom 02.07.2014


Pop statt Lederhosen: Hans Holleins Beitrag für die 14. Triennale di Milano, 1968 (Foto: Archiv Hans Hollein)

Pop statt Lederhosen: Hans Holleins Beitrag für die 14. Triennale di Milano, 1968 (Foto: Archiv Hans Hollein)

Der Berliner Architekt Wilfried Kuehn (Kuehn Malvezzi Architects) kuratierte im Museum für angewandte Kunst (Mak) gemeinsam mit Marlies Wirth eine Schau über Hans Hollein. Der Wiener war Künstler, Kurator, Architekt, Designer und Theoretiker in einem. Die Eröffnung der anlässlich seines 80. Geburtstages stattfindenden Schau sollte Hollein nicht mehr erleben. Er starb am 24. April.

Falter: 2011 gab es in der Neuen Galerie Graz eine große Hollein-Schau. Was ist im Mak anders?

Wilfried Kuehn: Die Grazer Ausstellung hat Hollein noch selbst mitkonzipiert. Wir haben autonom gearbeitet, auch wenn wir sein Vertrauen hatten und Zugang zu seinem Archiv bekamen. Wir wollten auch keine Best-of-Ausstellung, sondern bestimmte Themen setzen und dabei mit möglichst umfassendem Archivmaterial arbeiten, damit Holleins Entwurfsprozesse sichtbar werden. Es sind also nicht allein fertige Produkte zu sehen, sondern auch Arbeitsmodelle und Zeichnungen. Außerdem haben wir zwei Künstler, Aglaia Konrad und Armin Linke, damit beauftragt, Hollein-Bauten zu fotografieren. Die Bilder unterscheiden sich zum Teil stark von dem, wie Hollein selbst seine Architektur gesehen und abgebildet hat. Er hat das akzeptiert.

Was hat Sie an Hollein gereizt?

Kuehn: Für mich war es nach Carlo Mollino die zweite Ausstellung über einen Architekten. Mollino und Hollein waren Architekten, die, gemessen an ihrer Bedeutung und Bekanntheit, wenig gebaut haben. Sie waren Künstlerpersönlichkeiten, die sich durch verschiedene Medien, etwa Ausstellungen, Zeichnungen und Fotografien, ausdrückten. Genau sosehr wie gebaute Architektur interessiert mich eine Idee von Raum, die nicht die Hülle, sondern den Inhalt im Blick hat. Im Mak haben wir in der Synthese aus Ausstellungsarchitektur und kuratorischem Ansatz ein Raummodell gebaut, durch das der Besucher im Maßstab 1:1 die Kleeblatträume Holleins im Museum Mönchengladbach erfahren kann und so unmittelbar mit der kuratorischen Raumidee Holleins konfrontiert wird.

Wie war Hollein im Umgang mit Bauherren?

Kuehn: Er hat sich immer sehr stark mit Bauherren auseinandergesetzt, offenbar, weil es ihm um die Inhalte ging, den gelebten Raum. Hollein hat sich nicht als Dienstleister, sondern als Künstler gesehen, der seinem Auftraggeber gegenüber eine eigene Sicht der Dinge postulieren wollte. Das ist vielleicht auch der Grund, warum er nie eine Villa oder Wohnungseinrichtung für private Auftraggeber gebaut hat.

Was hat er stattdessen gebaut?

Kuehn: Ihm ging es immer um die Frage, wie Raum zwischen innen und außen, zwischen privat und öffentlich funktioniert. Er hat sich mit Schulen, Museen und Kunst im öffentlichen Raum beschäftigt. Dieser Umgang mit der öffentlichen Sphäre und die Streitlust, die er dabei entwickelt hat, haben mich immer interessiert.

Was ist Ihr Lieblingsprojekt?

Kuehn: Die Ausstellung „MANtransFORMS“, die 1976 im New Yorker Cooper Hewitt Museum stattfand. Das ist für mich ein Schlüsselwerk, denn es stellt auch die Frage nach der Funktion von Museen. Ist ein Museum ein Schatzhaus oder ein Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzungen? Hollein hat damals nicht mit kunsthandwerklichen Objekten gearbeitet, sondern den Alltag ins Museum gebracht. Ich finde aber auch das Museum Abteiberg in Mönchengladbach sehr wichtig.

Warum?

Kuehn: Hollein hat sich bei diesem Projekt die Frage nach der Bewegung des Besuchers im Raum gestellt. Der Besucher wird zum Mitkurator, indem er Räume miteinander im Parcours subjektiv verknüpft. Es gibt keine feste Enfilade, sondern landschaftliche Zusammenhänge zwischen den Sammlungsbeständen. Man kann über die Details geteilter Meinung sein, manche mochten das Museum in stilistischer Hinsicht nicht, aber es ist in seinen Raumangeboten unermesslich reich.

Wie haben Sie Hans Hollein als Mensch erlebt?

Kuehn: Als sehr gebildet und überzeugt von seiner Sache. In den vielen Jahren seiner künstlerischen Tätigkeit hat er konsequente und in sich geschlossene Argumentationen entwickelt. Insofern waren Dialoge mit ihm nicht unbedingt dazu angetan, ihn von etwas Neuem zu überzeugen. Aber so, wie er eigenständige Positionen respektierte, habe ich die Gespräche mit ihm sehr geschätzt.

Mak, bis 5.10.


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