Tiere

Hard boiled

Falters Zoo | aus FALTER 27/14 vom 02.07.2014


Es ist einer dieser trockenen, heißen Tage, an denen einem die Luft wie Sandpapier die Kehle austrocknet und sich sofort pizzatellergroße Schweißflecken auf jedem noch so frischen Hemd zeigen. Ich brauche einen Drink, Urlaub und ein Haus am See. Was ich habe, ist ein Hilferuf in meiner Mailbox: „Ich besitze seit dem Frühjahr ein ‚Bienenhotel‘. Eine Zeitlang war dort reger Betrieb, alle Schilfröhrchen waren bald zugemauert, doch seither ist dort nix mehr los. Ich befürchte das Schlimmste …“

Ich packe meine Spusibo, die Spurensicherungsbox, und gehe hinaus in jenen Backofen, der Wien heißt.

Ottakring, besseres Viertel in Boboville. Lofts, Terrassen mit Chili-, und Korianderplantagen und dazwischen aber auch manchmal die eine oder andere adrette Leiche. Ich läute bei „Dachatelier und Reiki Studio“. „Sagen Sie das Zauberwort“, scheppert es halblustig aus der Sprechanlage. „Gerichtsbeschluss“, sage ich unlustig und warte bis das Schloss aufspringt.
„Da war bis vor kurzem noch viel los, andauernd sind Wildbienen herumgeflogen“, klagt das Dachatelier mit aufgeregter Stimme und zeichnet Flugbahnen in die tote Luft. Ich sichere den Tatort und nehme den Nistkasten, Modell Nützlingsasyl, genauer unter die Lupe. Fast alle Löcher wurden mit Pflanzenmörtel, einem Gemisch aus Blattstückchen, Erde und Drüsensekreten verschlossen. Ganz typisch für Mauerbienen. Aber wo sind die Hotelbewohner geblieben? Ich öffne mit der Präpariernadel ein Röhre und kratze den Inhalt heraus. Die papierene Hülle einer Insektenpuppe kommt zum Vorschein. Ein Loch klafft in ihrer Mitte, aber Alice lebt hier nicht mehr. Ich untersuche die anderen Löcher und bemerke jeweils ein kleines Loch im äußeren Verschluss. Ich beginne meine Geräte einzupacken. „Sie müssen jetzt stark sein“, rate ich den beiden Hotelbesitzern. „Schlupfwespen sind hier eingedrungen, als die Röhren noch mit Pollen befüllt wurden, und haben ihre Eier in die Baby-Mauerbienen gelegt. Die Schlupfwespenraupen haben diese dann von innen her aufgefressen und sind danach durch diese kleinen Löcher ausgeflogen. Falls Sie an Gott glauben, dann müssen Sie davon ausgehen, dass er Schlupfwespen mit der Absicht erschaffen hat, dass diese sich vom Inneren anderer Tiere ernähren.“

Ich trete in die ebenso unbarmherzige Sonne hinaus und suche Erlösung in einer schattigen Bar.


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