Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Meinungsfrei

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 27/14 vom 02.07.2014

Schon vor 20 Jahren sah man eine Dragqueen auf dem Cover des Falter. Und die Regierung befand sich im Kotau vor einem Potentaten aus dem Osten. Es war natürlich nicht Conchita Wurst (die war damals noch ein kleines Würstchen), sondern das Supermodel RuPaul. Und nicht vor Wladimir Putin, sondern vor dem Chinesen Li Peng buckelte die Regierung.

In Graz brachte sich der Literat und mutmaßliche Prostituierten-Serienkiller Jack Unterweger in der Zelle um und entging damit seinem Urteil. Arpad Hagyo, Gerald John und Thomas Seifert räumten hinter dem Prozess auf, berichteten darüber, wer kassierte und wer nicht. Unterweger war es nicht, seine Ex-Freundin eher schon. Ein Film war im Gespräch, und für die Titelrolle niemand Geringerer als Robert De Niro. Georg Zanger, Unterwegers Anwalt, gab im Falter trotzig bekannt, er sei nicht bereit, bei so einem Spektakel mitzumachen. Ob er gebeten wurde?

Der Besuch des chinesischen Regierungschefs Li Peng brachte das Beste am österreichischen Rechtsstaat zum Vorschein. Einem Vertreter von SOS Mitmensch, einer Menschenrechtsorganisation, die gerne wegen chinesischer Menschenrechtsverletzungen in Tibet und anderswo gegen den Gast demonstriert hätte, beschied ein Polizist trocken: "Ich bin da, Ihre Meinungsfreiheit zu verhindern, weil solche Plakate möchte der Gast nicht sehen." Klare Worte!

Herbert Hrachovec zog eine kritische Bilanz des Einwanderungsgesetzes, das am 1. Juli gerade ein Jahr in Kraft war, und zitierte Johanna Dohnal, die als einziges Regierungsmitglied Kritik übte, als sie sagte: "Ich bin zwar für eine Einwanderungsregelung, aber es hat eine Entwicklung gegen Toleranz und Integration eingesetzt, die niemand wollte."

Apropos Toleranz: Im Kulturteil befassten sich Roland Koberg und Markus Wailand mit der Kulturpolitik der Haider-FPÖ. Fazit: "Haider hat von Kunst keine Ahnung (worin er sich von vielen Politikern kaum unterscheidet), aber er hat erkannt, dass sie ein Vehikel sein kann, mit dem und gegen das sich Stimmung machen lässt."


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