Gelesen Bücher, kurz besprochen

Politik | aus FALTER 27/14 vom 02.07.2014

Das Protokoll eines russischen Hexenprozesses Vor bald zwei Jahren, im August 2012, wurden zwei junge russische Studentinnen zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt, eine dritte Aktivistin kam mit einer Strafe auf Bewährung davon.

Die jungen Frauen hatten es gewagt, in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau mit bunten Sturmhauben zu tanzen und Putin und den Patriarchen zu verhöhnen. Die Frauen landeten ob ihrer Blasphemie nach einem Schauprozess in einem sibirischen Arbeitslager, wohin sie zur Zwangsarbeit als Näherinnen verurteilt worden waren. Wer sind diese Aktivistinnen von Pussy Riot? Wo wurden sie sozialisiert und was sagt ihr Fall über die russische Gesellschaft wirklich aus?

Die russisch-amerikanische Journalistin Masha Gessen hat die Spuren der Aktivistinnen aufgenommen. Akribisch, aber mitunter ohne Quellenangabe rekonstruiert sie deren Kindheit in der zerfallenden Sowjetunion, schildert die außergewöhnlich witzigen und anarchischen Protestaktionen der Gruppe in Moskau und begleitete die Aktivistinnen schließlich bei ihrem Strafprozess in Moskau, wo sie tagelange Verhöre in stickigen Glaskäfigen zu erdulden hatten und dabei fast ohnmächtig wurden.

Es ist das Protokoll eines politisch motivierten Hexenprozesses, das Gessen da vorlegt und es ist eine Anklage gegen ein Strafvollzugssystem, das den Geist des Gulag atmet.

Russland, so wird nach der Lektüre des Buches klar, ist im Justizwesen noch immer autoritär-sowjetisch geprägt. Eine deutsche Übersetzung des derzeit nur auf Englisch publizierten Buches ist überfällig.

FLORIAN KLENK

Masha Gessen: Words Will Break Cement. The Passion of Pussy Riot. Granta Publications, 308 S., € 11,40


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