Urlaub von den Problemen

Jugendliche, die nicht bei ihren Familien wohnen, drehten mit dem Theater im Bahnhof einen Spielfilm -ohne Drehbuch

BERICHT: MARIA MOTTER | Steiermark | aus FALTER 27/14 vom 02.07.2014


Foto: J.J. Kucek

Foto: J.J. Kucek

Die Kamera lief ab der ersten Probe, Drehbuch gab es keines. Diesen Donnerstag hat „Das Wochenende“ Premiere: Der Spielfilm ist eine Zusammenarbeit von Regisseur Helmut Köpping (Theater im Bahnhof) und Jugendlichen, die schon in sehr jungen Jahren im Alltag improvisieren mussten. Die jungen Menschen wohnen nicht bei ihren Familien, sondern werden vom AIS Jugendservice betreut. „Sie werden vorwiegend über ihre Probleme gelesen, darüber wird mit ihnen kommuniziert. Insofern ist der Film ein Urlaub vom Problem“, sagt Helmut Köpping. Er rückte also nicht die persönlichen Geschichten der Jugendlichen in den Mittelpunkt, sondern nahm sie als Akteure wahr. Casting gab es keines. Wer Lust hatte, konnte dabei sein.

Lisa, Engelbert und zwölf weitere Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren wollten mitspielen. Fragt man Lisa und Engelbert, warum sie nicht mehr bei ihren Eltern leben, hört man Dinge, die der Erzieher Markus St. als „psychische Folter“ einstuft. „Es gibt Episoden in meinem Leben, an die kann ich mich nicht erinnern. Da ist eine Blockade, aus Selbstschutz“, sagt die 21-jährige Lisa S.. Ein Nachbar meldete ihre Familie beim Jugendamt, das so auf das Kind aufmerksam wurde. „Ich wollte eigentlich schon mit zehn von zu Hause abhauen, wusste aber nicht wohin.“ Sind die Jugendlichen einmal in Betreuung, richtet sich die Entscheidung über die Wohnsituation nach Wunsch und Möglichkeit. Lisa übersiedelte mit 16 Jahren in eine betreute WG.

Damals ging sie noch in die Schule, wie Engelbert N. heute. Einen Tag bekam er schulfrei, um von seiner Familie in die betreute Wohnung zu ziehen. „Mein Auszug war für alle eine ziemliche Überraschung“, sagt der 17-Jährige, der nun allein wohnt. „Ich hatte durch die Situation zu Hause psychogene Krampfanfälle. Das ist wie ein epileptischer Anfall, nur die Ursachen sind psychisch“, sagt Engelbert. Eine Psychologin der Kinderklinik schickte ihn zum Jugendamt, die Beamtin dort schlug die Möglichkeit des Auszugs vor. „Ich bin sehr unterdrückt worden und habe stets nach dem Willen meiner Mutter agiert. Meine Mama war total gegen den Auszug, also habe ich gesagt, ich bleibe daheim“, erinnert er sich. Nach weiteren Anfällen wendet er sich an die Betreuerin beim Jugendamt und organisiert ohne Wissen seiner Mutter den Auszug. Beamte informierten sie: „Der Engelbert kommt nicht mehr nach Hause.“

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