Enthusiasmuskolumne Diesmal: das beste Speiseeis der Welt der Woche

Es wird ein guter Sommer gewesen sein

Feuilleton | TEX RUBINOWITZ | aus FALTER 27/14 vom 02.07.2014

Mit einer Sommerzwischenbilanz kann man nie früh genug beginnen, besser oder schlechter wird' s nicht, wenn man einmal temperaturtechnisch ungefähr weiß, wie der Hase läuft. Jeder Sommer ist so gut, wie er eben ist; Hornissen, Hagelkorn und Hautkrebs zu vermeiden hat höchste Priorität, alles andere ist Nebensache. Dass der Sommer 2014 aber als einer der besseren in die Geschichte eingehen wird, steht schon jetzt außer Frage: nass, klamm, finnisch, mit kurzen Hitzeeruptionen, die sich aber schnell wieder verzogen, als wäre es ihnen peinlich, uns zu belästigen -ein höflicher Sommer also.

Der schönste Ort, den Sommer in der Stadt zu genießen, war und ist natürlich das Gänsehäufel an der guten Alten Donau. Weil Wiener nicht schwimmen können, ist niemand im Wasser, höchstens im Chlorbecken. Vom Chlor fühlen sich Wiener beschützt.

Der Rest der Insel gehört den Saatkrähen. Die Silberpappeln blasen ihren Pappelschnee in den Wind. Auf dem Rad des auf der Insel patrouillierenden Inselwarts steht "Gib Gummi, Didi". Es herrscht eine Ruhe im Zement, auf dem gelben Gras und der Holzpritsche, die einen Dankbarkeit lehrt angesichts dieses Geschenks. Danke, Sommer!

Und dann kommt man am Kiosk vorbei, der von einem sagenhaft unfreundlichen Ungarn betrieben wird, der kleinen, nackten Kindern klodeckelgroße, fetttriefende Langosplatten verkauft, deren Knoblauchodeur mit dem Chlorgeruch auf Kinderhaut harmoniert.

Ebenso stimmig: das seit 50 Jahren unveränderte Big Sandwich von Schöller. Blassrosa, blassgelb und blassbraun weist das in eine labbrige Waffel eingelegte Eis einen schnörkellosen Grundeisgeschmack auf. Es ist der Geschmack der Vergänglichkeit, der Demut und des perfekten Sommers.


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