Selbstversuch

Also so könnte ich nicht leben

Doris Knecht ist total gelassen jetzt

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 28/14 vom 09.07.2014

Nie wird einem die eigene Unzulänglichkeit bitterer bewusst als in den Tagen, bevor die Eltern kommen. Es ist offenbar auch völlig wurscht, wie alt man ist und dass man schon sehr, sehr, sehr viel länger von den Erzeugern weg ist, als man die Beine unter ihrem Tisch hatte. Kündigen sich die ehemals Erziehungsberechtigten an, fallen einem alle Schleier von den Augen: Und man sieht, man hat kein schönes, über die Jahre mit freundlicher Unterstützung von eBay unprätentiös, aber gemütlich eingerichtetes und wohlig eingewohntes Häusl, sondern ein komplett verschmutztes, voller Spinnweben und pickigem Grind in allen Winkeln. Müllhalden hinter Türen, die man aus gutem Grund schon länger nicht geöffnet hat, zum Beispiel das Kinderzimmer.

Der Geräteschuppen: kaputtes Glumpert aus hundert Jahren. Brutales Hygienedefizit im gesamten Heimtextilienbereich. Das WLAN-Kastl pickt seit zwei Sommern provisorisch mit Gaffa oben am Türrahmen - ja, sieht das denn keiner? Oh, ja, jetzt schon. In allen Schränken und Schubladen blankes Chaos, Süßigkeiten neben Suppenpulver, Backpulver hinter Sardinendosen, offene Wrap-Packungen, halbabgebrannte Kuchenkerzen, Gewürze aus 2005.

Man sieht schon die Mutter den Blick schweifen lassen, die Sesselkissen mit einem kurzen Blick inspizieren, den Schrank öffnen, man hört schon, wie sie nichts sagt, gar nichts, und man weiß, was sie denkt. Also ich könnte so nicht leben. Na. Das wär doch schnell gemacht. Dass sie das nicht einfach schnell macht. Nein, so könnt ich nicht leben.

Darauf kann man auf zwei Arten reagieren: mit wurschtiger Gelassenheit, weil in drei Tagen sind sie eh wieder weg und leben wieder, wie sie leben können. Oder mit Panik. Meistens entscheidet man sich für Panik, fängt Streit an mit dem Langen - Ja, siehst du das denn nicht? Wie kann man nur so leben?? - und beginnt, unterbrochen von kleinen Hyperventilationsphasen, die Sofas abzuziehen, nur um hinter und unter den Sofas auf noch mehr Schmutz und Grind und Pickigkeit zu stoßen, was die Panik weiter maximiert.

Bis man schließlich endlich ein Einsehen hat, weil es sowieso keinen Sinn hat: Ist der eine Schmutz weg, taucht dahinter ein anderer auf. Die schimmlige Wand, jetzt wo du es erwähnst, um Himmels willen!

Also schließlich doch: wurschtige Gelassenheit, es nützt ja eh nichts. Nach drei Tagen sind sie wieder weg, der Schmutz macht sich wieder unsichtbar, der Grind verwandelt sich wieder in edle Patina, alles wird gut, man weiß gar nicht, wieso man sich so aufgeregt hat. Wie lange wohnt man schon nicht mehr bei den Eltern? Warte, 29 Jahre. Und all die Zeit nie eine Blutvergiftung oder eine Stauballergie, obwohl man sich die meiste Zeit in den eigenen vier Wänden aufgehalten hat. Durchatmen, nicht hinsehen. In drei Tagen kommen sie, in sechs sind sie wieder weg. Es ist alles gut, kein Grund zur Panik. Nur schnell den Teppich in die Waschmaschine, alles ist gut.


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