Schlaf ist der Cousin des Todes

Das Festival HipHop Open Austria bringt den großen US-Rap-Poeten Nas erstmals nach Wien

Lexikon | Porträt: Gerhard Stöger | aus FALTER 28/14 vom 09.07.2014


Foto: Universal Music / Kirilwashere

Foto: Universal Music / Kirillwashere

Dass Hip-Hop tot sei, wird immer wieder einmal behauptet. Bei Nasir bin Olu Dara Jones haben die Worte „Hip Hop Is Dead“ allerdings ein anderes Gewicht als beim Nerd, der sich im Blog über den Zustand der Kultur ereifert.

Sie prangten 2006 auf dem Cover des achten Albums, das Jones unter seinem Künstlernamen Nas veröffentlicht hat. Das Titelbild zeigt den Rapper, wie er mit finsterem Blick am offenen Grab kniet, eine schwarze Rose in der Hand. Im Hintergrund kreisen Vögel am grauen Himmel. „Es sieht gar nicht gut aus“, lautete die unmissverständliche Botschaft. Wie untot die Rapmusik auch 2006 war, demonstrierte freilich gleich „Hip Hop Is Dead“ selbst.

Titel wie Album waren kein Abgesang, sondern eine Provokation. Hip-Hop wird sterben, wenn alle Rapper gleich klingen, meinte Nas. Er wird sterben, wenn der Kommerz im Zentrum steht und man die Wurzeln und die Geschichte dieser Jugendkultur und Kunstform vergisst, die in den ausgehenden 1970ern in der New Yorker Bronx entstand und die Rockmusik spätestens in den 1990ern als führende US-Popsprache ablösen sollte.

Die Fundamentalkritik erinnert an einen anderen großen Vertreter des Genres, den Rapper KRS-One, der gerade eben beim Donauinselfest gastierte. Doch anders als KRS-One ist Nas kein Lehrer und Prediger, sondern bei aller Reflexion in erster Linie ein Poet. Und ein Popstar obendrein: Fünf seiner zehn Soloalben standen an der Spitze der US-Charts.

Das 1994 erschienene Debüt „Illmatic“ zählt nicht dazu; Platin-Status erreichte es erst über die Jahre. Inzwischen gilt es längst als eines der besten Rapalben aller Zeiten. Bereits zum zehnten Geburtstag gab es eine Neuauflage, zum Zwanziger liegt jetzt eine weitere Jubiläumsedition vor.

„‚Illmatic‘ ist für Hip-Hop-Connaisseurs, was Bob Dylans ‚Highway 61 Revisited‘ für die Generation der Baby Boomer war: das Maß aller Dinge“, schrieb das US-Onlinemagazin Pitchfork anlässlich des Reissues und verlieh die Höchstwertung von zehn Punkten. Schon bei seiner Erstveröffentlichung im April 1994 hatte „Illmatic“ im US-Hip-Hop-Magazin Source die nur selten vergebene Spitzenwertung von fünf Mikrofonen bekommen.

Der Vergleich mit Dylan kommt nicht von ungefähr. Wie der vielleicht coolste Hund der an coolen Hunden nicht gerade armen Sixties-Rockkultur verstand Nas es schon in sehr jungen Jahren, seinen scharfen, analytischen Blick auf die Welt in wortgewaltige, bildmächtige Songs zu übersetzen, die nie nur Kunst um der Kunst Willen, sondern unbedingt auch eingängiger Pop waren. Die besten Produzenten jener Tage lieferten die Beats für „Illmatic“; die in knapp 40 Minuten abgehandelten zehn Songs enthalten kein Gramm Fett und klingen kein bisschen zeitgebunden.

Nasir Jones’ Biografie könnte dem Hip-Hop-Bilderbuch entnommen sein: Als Sohn einer Postbeamtin und eines Jazz-Trompeters ins Queensbridge aufgewachsen, einer Sozialwohnsiedlung im New Yorker Stadtteil Queens, brach er früh die Schule ab. Als Teenager hatte er mit Kleinkriminalität zu tun, entschied sich dann aber für eine Karriere hinter dem Mikrofon. Seinen besten Freund machte Nasty Nas, wie er sich anfangs nannte, zu seinem DJ; 1992 wurde dieser auf offener Straße erschossen.

Mit Glorifizierung des Gangster-Lebens hatte „Illmatic“ nichts am Hut, Eskapismus war seine Sache aber auch nicht: Nas fungiert als nüchterner, seiner Hood hörbar verbundener Chronist des Lebens in Queensbridge. „Ich schlafe nie, denn Schlaf ist der Cousin des Todes“, rappt er und „Life’s a bitch and then you die“. Bei allem Realismus ist „Illmatic“ keineswegs nur pessimistisch gefärbt: „Whose world is this? The world is yours!“, heißt es im eingängigsten Song des Albums.

Nas’ Leben und Karriere nach dem Debüt verliefen wechselhaft. Eine Zeit lang kokettierte er mit dem Image des Edel-Gangsters, später fickte ihn vorübergehend der Größenwahn, als er sich als Jesus inszenierte, umgeben von seinen „Jüngern der Straße“.

Zwischen Geniestreich und Beinahe-Bauchfleck war künstlerisch dabei vieles möglich. Ein öffentlichkeitswirksamer Streit mit Rap-Superstar Jay-Z endete gewaltfrei und mit Kooperationen, die Ehe mit der R&B-Sängerin Kelis dagegen unschön – mit „Life Is Good“ führte die Trennung 2012 jedoch zu einem weiteren großartigen Album. Das späte Wien-Debüt des 40-Jährigen steht allerdings ganz im Zeichen des Erstlingswerkes: Nas wird „Illmatic“ bei der ersten Ausgabe des Festivals HipHop Open Austria zur Gänze aufführen.

HipHop Open Austria mit Nas, Left Boy,
Blumentopf u.a.: Arena, Open Air, Fr 14.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige