Kunst Kritik

Zeit für Muße: Wenn weiße Gemälde wandern

Lexikon | MD | aus FALTER 28/14 vom 09.07.2014

Der Müßiggang bevorzugt Schwarz-Weiß. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck in der Ausstellung "Neue Wege nichts zu tun", deren Arbeiten fast ohne jede Farbe auskommen. Die Passivität wird in dieser Schau nicht als Dolcefarniente oder Blaumachen, sondern als eine Art reflexives Unterlassen von Aktivität verstanden. Die deutlichste Kritik am Arbeitszwang vermittelt noch Sofia Hulténs humorvolle Videoperformance "Grey Area. 12 Attempts to hide in an office environment". Eine Frau im Businesslook sucht darin Verstecke im Büro, etwa hinter den Jalousien oder mit dem Kopf unter dem Teppich. Um Verweigerung kreist auch der Schwarz-Weiß-Film "Ein Mann der schläft" von 1974, in dem Georges Perec einen Studenten in Widerstandshaltung jegliche Aktivität einstellen lässt. Die Performancefotos von Jirí Kovanda aus den Jahren 1976 und 2008 machen den Wechsel der Medien deutlich: Während der Künstler in "XXX. Waiting for someone to call me " neben einem alten Telefon sitzt, ließ er bei der Aktion fast 40 Jahre später Passanten sein Mobiltelefon bedienen, das er selbst nicht abheben würde.

Die Aneignung von Werken anderer Künstler ist auch ein Weg, eigenes Tun zu vermeiden: Karl Holmqvist reproduziert die Arbeit "Drehflügel" von Charlotte Posenenske; Lasse Schmidt Hansen hat Glaskuben von Katarzyna Kobro wiederherstellen lassen. Von dem 1926 geborenen US-Künstler Robert Breer stammt ein monochrom weißes Gemälde, das sich bewegt, ohne dass der Betrachter es bemerken würde. Ebenso diskret sind Breers minimalistische Schaumstoffskulpturen am Boden unterwegs, weiße Blöcke, die ganz langsam auf Rädern dahinfahren. Breers Arbeiten passen gut in diese leise Schau, in der Nichtstun kein revolutionärer Akt ist, sondern eher ein Hinübergleiten in einen passiven Zustand.

Kunsthalle Wien, bis 12.10.


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