Tiere

Mir ist fad

Peter Iwaniewicz empfiehlt "Zwei Finger am Kopf" von Materia als musikalische Begleitung

Falters Zoo | aus FALTER 28/14 vom 09.07.2014


Sommer. Ferien. Hitze. Und Langeweile. Charles Baudelaire warnte bereits 1857 vor dieser Blume des Bösen: „In der schändlichen Menagerie unserer Laster / Ist eines noch hässlicher, noch bösartiger, noch schmutziger! / Die Langeweile ist’s!“

Zu viel Freizeit, mangelndes Konsumangebot und allgemeine Verdrossenheit gegenüber dem Dasein verbinden sich gerade beim Großstadtmenschen zu diesem unerträglichen Gefühl zermürbender Fadesse. Menschen mit Garten, Wald und Acker tun sich da leichter. Beim ersten Aufblitzen von Langeweile können sie Bäume fällen, Wiesen umgegraben oder einfach mal mit dem Traktor eine Runde über den Rübenacker donnern. Das hilft.

Aber was passiert, wenn man bis zu 15 Minuten allein in einem leeren Raum sitzen muss? Das haben Psychologen zweier US-amerikanischer Universitäten erforscht und kamen zu einer eher verstörenden Erkenntnis: Zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen von 200 Testteilnehmern bevorzugten das Angebot, sich selbst einen leichten elektrischen Schock zuzufügen. Besser, als untätig herumzusitzen.

Dieses Ergebnis zeigt ein Grundproblem der menschlichen Zivilisation auf: Warten. Die Versuchsanordnung entsprach einem Wartezimmer und in diesem Lebensraum lebt die Langeweile. Die Fähigkeit zu warten ist auch die einzige Eigenschaft, die uns von Tieren unterscheidet. Wir warten täglich an Haltestellen, stehen vor roten Ampeln, reihen uns artig in die Schlange vor der Supermarktkassa, stellen uns am Passamt an und warten am Ende auf die Pension. Geduldig erduldend. Nur manchmal erwachen unsere animalischen Instinkte und wir brechen aus der Kolonne aus, drängen vor, rempeln den Vordermann, erregen uns über den Zustand der sinnlosen Stasis, hyperventilieren, bis wir uns wieder von der übermächtigen Schwerkraft des Wartens einfangen lassen und still im Kaffeehaus sitzend der Zuwendung des Servierpersonals harren.

Tieren ist das Warten fremd. Tiere liegen entweder auf der Lauer oder halten nach Beute Ausschau. Sonst schlafen Tiere, liegen in Kältestarre und überdauern Trockenzeiten als Zyste. Selbst Letzteres ist weniger langweilig als diese ganze Warterei.

Uns bleibt nur die Hoffnung, dass in Zukunft Wartezimmer, Haltestellen und Supermarktkassen mit 12-Volt-Batterien ausgestattet sind.


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