Rückeroberung des Spittelbergs

Das älteste Lokal im Freilichtmuseum wurde zum neuesten Lokal der Stadt

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 28/14 vom 09.07.2014


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Der Spittelberg spielte gastronomisch längst keine Rolle mehr. Die Zeiten, als hier im Reisenleitners Urenkel oder später in Oliver Hoffingers Kochwerkstatt toll gekocht wurde, sind lange vorbei. Roman Wurzers Kreativ-Gastspiel im Lux dauerte auch nicht lange. Sonst reichen hier Schnitzel und Tafelspitz, um die Touristen happy zu machen, die lebendigeren, frischeren, aktuelleren Lokale findet man in der Zoller- und Kirchengasse.

Trotzdem übernahmen Mario Bernatovic – bis vor einem Jahr Küchenchef im Motto am Fluss, davor im Weibel 3, bei Meinrad Neunkirchner im Vincent, im Danube in New York und im Olive Island Marina in Kroatien – und Johannes Haselsteiner die ehemalige Crêperie am Spittelberg. Das älteste Lokal im Grätzel war in den der vergangenen Jahre eigentlich nur mehr während der Adventmärkte offen und verfiel zusehends.

Bernatovic und Haselsteiner nahmen sehr viel Geld in die Hand, engagierten BEHF, das Architektenbüro mit gastronomischer Erfolgsgarantie (Fabios, Motto am Fluss, Kim kocht, Unger und Klein im Hochhaus, …) und bauten doch recht lange doch recht gründlich um.

Vorige Woche war’s dann fertig, zumindest zum Teil, und wohl eines der ambitioniertesten Lokale dieses Jahres: ein Café- und Patisseriebereich mit Veranda auf die Spittelberggasse und offen einsehbarer Werkstatt, eine offene Küche mit drei Küchentischen gegenüber, ein Restaurantbereich, ebenfalls mit Wintergarten, insgesamt fünf Ebenen und 120 Sitzplätze, der Raum einerseits dunkel, andererseits metallisch funkelnd, mit optischen Irritationen wie Discolicht und Blumenkisterln gespickt, ein Klo, das fast schon anstrengend ist, so grafisch, alles sehr, sehr dicht.

Auch bei der Software: Bernatovic lässt in seiner Patisserie nicht nur Sauerteigbrot, -baguettes und -croissants selber backen und kleine Pralinees selbst basteln, sondern auch Joghurt selbst ansetzen. Nudeln werden selbst gemacht, grüne Liebstöckl-Gnocchi mit Salsiccia, Erbsen und Eierschwammerln natürlich auch
(€ 14,50), sogar die Enten-Dattel-Paprikakraut-Bratwürstel – grandios übrigens. Sautierter Kochsalat mit Saubohnen, Erbsenschoten, pochiertem Ei und gerösteten Brotwürfeln war großartig, eines der besten Veggie-Gerichte der letzten Zeit (€ 8,50), Erdbeer-Tomaten-Salat mit Quinoa und Ziegenkäse auch ziemlich bunt und erfrischend (€ 10,50), das sous vide gegarte Lamm mit Sommerbohnensalat wunderbar (€ 15,–).

Die Bierkarte ist super, die Weinkarte auch und noch dazu etwa zu 80 Prozent bio – und was man da hinter der Bar an Cocktails mischt, ist auch kein Lercherl (ich erinnere mich an was Dunkles aus Rum, Räucherbier und Kaffee …). Einstweilen gibt’s nur das Café-Programm, Restaurant kommt ab nächster Woche. Aber das Café-Programm ist schon ziemlich super.

Resümee:

Das konzeptigste Lokal seit dem Heuer am Karlsplatz. Mario Bernatovic macht am Spittelberg das Eierlegende-Wollmilchsau-Restaurant.

Kussmaul
7., Spittelbergg. 12
Tel. 0699/13 06 09 26
Mo–Sa 8–2, So 8–18 Uhr
www.kussmaul.at


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