Enthusiasmuskolumne

Im Rehazentrum für Märtyrer

Diesmal: Die beste Himmelfahrt der Welt der Woche

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 28/14 vom 09.07.2014

Auf einem der Hügel über dem Kamptal liegt das Stift Altenburg. Es gehört zu jenen Barockklöstern des Waldviertels, die den Besucher aufgrund ihrer abgelegenen Lage in Erstaunen versetzen. Warum in aller Welt beschlossen die Mönche des Benediktinerordens, in dieser gottverlassenen Gegend einen Palast zu bauen?

Der Ausflug beginnt im Ort Rosenburg. Auf dem Weg den Kamp entlang quert der Wanderer erst einen schattigen Laubwald, ehe er das Kloster erreicht. Wer den rund einstündigen Spaziergang geschafft hat, den erwartet eine architektonische Himmelfahrt. Das Flackern und Flimmern der Ornamente in der Klosterkirche löst alle irdische Statik auf, in der Kuppel schweben die Wolken und Heiligen der Fresken von Paul Troger (1698-1762). Dazu gibt es einen prächtigen Bibliothekssaal, eine ins Nirgendwo gebaute Kathedrale des Lesens. Die Last der Erbsünde, die christliche Orte gewöhnlich verdüstert, scheint in diesen Sälen zur Seite geschoben. Sogar die den Toten gewidmete Krypta erstrahlt in warmen Farbtönen, als würden sich die Märtyrer hier von ihren Qualen erholen.

Die Ordensgemeinschaft gab viel Geld für die Sanierung und Renovierung des Gebäudes aus. Die Wiener Architekten András Pálffy und Christian Jabornegg haben das Stift vom Gerümpel der Jahrhunderte und vom Muff religiöser Folklore befreit.

Der Rundgang führt hinab zu archäologischen Ausgrabungen, dann weiter in einen gotischen Kreuzgang und schließlich hinauf in das barocke Gesamtkunstwerk. Es ist ein Ausflug in ein metaphysisches Rehazentrum, der den Glauben der Mönche in ein neues Licht rückt. Die Benediktiner sind Kunstaffi cionados, die sich täglich zur Anbetung von Farben und Proportionen versammeln.


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