Analog essen

Früher wurde hier alte Kleidung sortiert, jetzt werden alte Geräte benutzt

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 29/14 vom 16.07.2014


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Florian Kaps hatte bisher noch nicht viel mit Lokalen zu tun. Nur einmal, als er vor ein paar Jahren mit Freunden den Volksgarten-Pavillon projektmäßig über den Winter bekochen wollte. Damalige Erkenntnis: Nie wieder!

Hat er jetzt aber doch nicht gemacht. Weil es sich irgendwie nicht vermeiden ließ an diesem Platz, sagt er. Florian Kaps ist einer jener Unternehmer, die 2008 die letzte Polaroid-Filmfabrik kurz nach der Stilllegung kauften und das Thema Sofortbild zum coolen Start-up machten. Das Projekt läuft mittlerweile mit Gewinn, Kaps zog sich aber zurück, übernahm eine unglaubliche Location neben dem Café Dogenhof, die bisher als Humana-Sammelstelle diente, und formte daraus ein Mittelding aus Museum, Manufaktur, Studio und eben Lokal namens „Supersense“ (siehe auch Christopher Wurmdoblers Bericht „Trau deinen Sinnen“ in Falter 28/14).

Das Grundthema ist „Analogie“, die alle Sinne ansprechen soll, „denn die junge Generation will endlich wieder Dinge, die man angreifen kann, die Magie des Analogen“. Also steht in der Fin-de-Siècle-Halle eine Druckerpresse, mit der man sich Visitenkarten drucken lassen kann; das Geruchslabor wird bald fertig sein, die größte Polaroidkamera der Welt ist es seit vielen Jahrzehnten. Und in einem „Livingroom-Studio“ kann man seine eigene akustische Darbietung gleich auf einen Schellackrohling pressen lassen – sehr, sehr, sehr lässig.

Und eben das Café. Die Akribie, mit der die kleine Karte zusammengestellt wurde, ist erstaunlich. Das Bier stammt von einer kleinen Tiroler Start-up-Brauerei, ist grandios und wird vor allem in den wahrscheinlich schönsten Biergläsern der Welt, 2013 von Tino Valentinitsch für Lobmeyr entworfen, serviert. Der Kaffee kommt von einer Kleinrösterei in Kötschach-Mauthen, ist auch hervorragend und wird vor allem von der exklusivsten und unglaublichsten Espressomaschine, die es derzeit in Österreich gibt (Slayer, Seattle) in sagenhaft schöne Gläser gedrückt: Alle manuellen Teile des ergonomisch gestalteten Espresso-Modul-Geräts sind aus Nussholz, in der Barista-Szene gilt das Ding seit vier Jahren als Feuchttraum. In der To-go-Espresso-Variante um sechs Euro kann man sich das Glas übrigens mitnehmen.

Zu essen gibt’s im Wesentlichen eine gemischte Platte mit ein paar sehr guten Wurst- und Specksorten, vor allem aber mit einer entbeinten Stelze, die nach Vorbild der toskanischen Porchetta mit Rosmarin-Knoblauch-Paste eingeschmiert, eingerollt und gegrillt wird. Geschnitten natürlich mit einer Berkel, analog, nahe am Original, toll (5 Euro)! Keinesfalls versäumen sollte man auch die Kuchen, die Michael Ritter, der Mann hinter der Bar, von seiner Mutter backen lässt – beste Linzertorte seit etwa 40 Jahren, ohne Schmäh. Ganz großartiges Lokal jedenfalls, wunderschön, gut und interessant. Hingehen!

Resümee:

Ein Lokal, in dem man zwar nur wenig essen kann, das ist dafür super. Und man kann Polaroids kaufen oder eine Platte aufnehmen.

Supersense
2., Praterstr. 70
Tel. 01/969 08 32
Mo–Mi 8–19, Do, Fr 8–22, Sa 11–17
www.supersense.com


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige