Fragen Sie Frau Andrea

Religion und Sonnenstand

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 29/14 vom 16.07.2014

Liebe Frau Andrea,

was macht ein Muslim oder eine Muslimin, wenn die Sonne im Ramadan weder auf noch untergeht? Sind die nördlichen Muslime oder Musliminnen nicht krass benachteiligt gegenüber ihren äquatornahen Brüdern und Schwestern?

Mit freundlichen Grüßen, Wolfgang Mähr, per E-Mail.

Lieber Wolfgang,

als Fastenmonat oder Ramadan, abgeleitet von der arabischen Wurzel ramida oder ar-ramad, was so viel wie "brütende Hitze" heißt, wird der neunte Monat des islamischen Kalenders bezeichnet. Gläubige weltweit (ausgenommen sind Kinder, Kranke, Schwangere, Stillende, Menstruierende und Reisende) beachten den Ramadan als eine der fünf Säulen des Islam. Die Enthaltsamkeit beginnt mit Sonnenaufgang, endet mit dem Untergang des Zentralgestirns und erstreckt sich auf Essen, Getränke jeder Art, Rauchen und sexuelle Handlungen, in Fällen strengerer Auslegung auch auf Fluchen, Streiten und vergleichsweise moderne Sünden wie Prokrastination.

Weil der islamische Kalender ein Mondkalender ist, und ein Mondjahr zehn bis elf Tage kürzer ist als ein Sonnenjahr, wandert der Ramadan durch die Jahreszeiten. Heuer, die islamische Zeitrechnung schreibt das Jahr 1435, dauert der Ramadan von 29. Juni bis 27. Juli. Ein großes Problem für Migranten in den skandinavischen Ländern. Wollen sie den Ramadan einhalten, können es in Stockholm oder Helsinki schon mal 19 Stunden ohne Wasser und Brot oder eine lindernde Zigarette werden.

Musliminnen und Muslime aus diesen hohen Breiten, vor allem aber solche aus Orten nördlich des Polarkreises - hier geht die Sonne im Sommer nicht unter - wandten sich aus begreiflichen Gründen an die religiösen Autoritäten. Es ergingen widersprechende Fatwas. Die liberaleren ägyptischen Theologen trugen den Gläubigen auf, sich im Falle einer länger als 18 Stunden währenden Tagesdauer nach den Zeiten der Heiligen Städte Mekka oder Medina zu richten.

Orthodoxere Gelehrte aus Saudi-Arabien hingegen urteilten, die religionswirksamen Effekte fehlender Sonnenuntergänge seien streng einzuhalten, in der Wüste sei man auch nicht zimperlich. Versäumtes könne immerhin später nachgeholt werden. Das Dilemma am Polarkreis ist prolongiert.


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