Sturer Schädel, großes Herz

Mit Neil Young kommt der weltlichste unter den lebenden Rockgöttern in die Wiener Stadthalle

Lexikon | Würdigung: Gerhard Stöger | aus FALTER 29/14 vom 16.07.2014


Foto: Emily Dyan Ibarra

Foto: Emily Dyan Ibarra

Die Stimme klingt aufgeregt. „Hallo Mama!“, sagt sie, begleitet von einem Knistern und Knacksen, wie man es von alten Schellacks kennt. Dazu rauscht es, als würden die Worte aus einem Telefon kommen. Einem Telefon aus der Vergangenheit.

Genau das tun sie auch: Die Stimme wurde zwar erst kürzlich aufgenommen, allerdings in einem Voice-O-Graph aus dem Jahr 1947; einem Tonstudio in der Größe einer Telefonzelle, dessen Prinzip einem Passbildautomaten ähnelt. Man konnte Geld einwerfen, eine Botschaft einsprechen oder ein Lied singen und bekam das sofort auf kleinformatiges Vinyl gepresst. Auflage: ein Stück.

Die Stimme der Mannes, der seiner verstorbenen Mutter „I love you“ sagt, ihr vom Wetter erzählt und sie bittet, drüben im Jenseits doch wieder mit seinem Vater zu sprechen, der die Familie vor vielen Jahren verlassen hatte, gehört dem 68-jährigen kanadischen Singer/Songwriter Neil Young. Der Voice-O-Graph, der sie aufgezeichnet hat, gehört zum Studio-Equipment des US-Musikers Jack White, der mit dem Duo The White Stripes berühmt wurde, heute solo erfolgreich ist und mit Third Man Records ein Plattenlabel für Vinylliebhaber betreibt.

„A Letter Home“ heißt der Brief, er eröffnet das heuer im Frühjahr erschienene gleichnamige Album. Es enthält Coverversionen von Songs, zu denen Neil Young einen speziellen persönlichen Bezug hat, aufgenommen wurden sie zur Gänze im Voice-O-Graph.

Live, in Mono und verrauscht von der ersten bis zur letzten Sekunde. Doch das Album ist mehr als nur eine Schrulle eines kindsköpfigen Nostalgikers. Es ist der Beweis dafür, dass Neil Young mehr als 50 Jahre, nachdem er als Teenager mit einer kanadischen Provinz-Garagenrockband seine erste Single aufgenommen hat, immer noch auf der Suche ist, immer noch Risiken eingeht, die Musik immer noch liebt und lebt. Und wie so vieles in Neil Youngs Werk ist auch „A Letter Home“ vor allem eines: rührend.

Ein Kindskopf und ein Nostalgiker ist der Sänger und Gitarrist, der auf einer Ranch lebt, alte Modelleisenbahnen liebt und Oldtimer sammelt, trotzdem. Für seine Musik sind freilich zwei andere Aspekte wichtiger: Neil Young hat einen verdammt sturen Schädel und ein unglaublich großes Herz.

Er hat die Gitarre nicht weggestellt, seit er 1966 mit den US-Folkrockern Buffalo Springfield bekannt wurde, doch wie kein anderer in den Sixties verwurzelter Musiker ist er dabei neugierig und seine Musik berührend geblieben. Für immer jung, sozusagen.

Den Musiker Neil Young gibt es zweimal. Stromverstärkt und akustisch, krachig und zurückgenommen. Er ist zu gleichen Teilen eine Liedermacher-Ikone und ein Rockgott, aber anders als dem Gros seiner Kollegen kam ihm die Erdung nie abhanden.

Der Mann mit der filigranen Ausnahmestimme und der von schweren Krankheiten geprägten Kindheit – die Folgen eine Polioinfektion wirken noch heute nach – erweiterte die Folkrocker Crosby, Stills & Nash einst zum Quartett; er schuf mit dem kitschig-schönen Album „Harvest“ 1972 einen Millionenseller, verarbeitete den Rockstarblues wenig später zu düsteren Meisterwerken und verneigte sich Ende der 70er vor Punk.

Eine experimentelle Phase in den 80er-Jahren endete in einem Rechtsstreit mit seinem Label, das ihm vorwarf, nicht mehr wie Neil Young zu klingen. Unter anderem hatte er den Synthesizer für sich entdeckt und ein Album lang mit elektronischer Musik experimentiert. Anfang der 90er wurde Young zum „Godfather of Grunge“ ernannt; er arbeitete mit Pearl Jam zusammen, die sich noch heute als seine Neffen bezeichnen. Kurt Cobain, der Sänger von Nirvana, beendete seinen Abschiedsbrief einst mit dem Neil-Young-Zitat „It’s better to burn out than to fade away“; der tief betroffene Urheber dieser Zeilen widmete Cobain das Titelstück seines nächsten Albums „Sleeps With Angels“.

Und heute? Neil Young hat 2012 mit der charmant-verplauderten Autobiografie „Waging Heavy Peace“ (deutsch: „Ein Hippie-Traum“) ein erfolgreiches Buch geschrieben, er holt regelmäßig alte Konzertmitschnitte aus den Archiven, kämpft mit Pono Music für eine verbesserte Klanqualität digitaler Musik und fungiert als Botschafter für Hybridfahrzeuge, deren Antriebe er teils selbst entwickeln lässt.

Seit er nicht mehr trinke und kiffe, falle ihm das Liederschreiben schwer, meinte der Musiker 2012. Das Album „Psychedelic Pill“ löste dieses Problem noch im selben Jahr eindrucksvoll. Entstanden war es mit seiner langjährigen Teilzeit-Kapelle Crazy Horse, die Neil Young auch in Wien zur Seite stehen wird.

Wiener Stadthalle, Mi 19.30


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