Vor 20 Jahren im Falter

Herr der Seele

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 30/14 vom 23.07.2014

Erwin Ringel gehört zu jenen, die zu Lebzeiten und erst recht danach verklärt wurden. Er war es, der das Wort von der "österreichischen Seele" prägte. Einen Begriff, der, wie Werner Vogt in einem umfangreichen und messerscharfen Nachruf diagnostizierte, lautstark ins Ungewisse zielte.

Vogt schrieb: "Für mich stellt ,die österreichische Seele' eine Zumutung dar. Da will einer, ausgerüstet mit dem Handwerkszeug eines Psychotherapeuten und Tiefenpsychologen, ,aus Liebe zu diesem Land' sich ,der Wirklichkeit stellen'. Doch kaum hat er den Vorsatz gefasst, sich der Wirklichkeit zu stellen, erschlägt der zwanghaft gewählte Berufsstandpunkt den Vorsatz: Er blickt aufs Land, macht eine Diagnose, die natürlich eine ,ehrliche Diagnose' sein muss, um ,Heilung zu ermöglichen'. Ich denke, das Modell von Krankheit und Gesundheit, von Diagnose und Therapie hat schon im medizinischen und psychiatrischen Bereich seine Grenze. Im gesellschaftlich-politischen Bereich hat dieses Modell nichts verloren. (...)

Jede Gesellschaft, auch die österreichische, ist nicht nur als Anhäufung von Individuen mit schlechten Kindheitserlebnissen zu definieren. Die Kunst der Psychointerpretation gesellschaftlicher Ereignisse ist arm und einäugig, geht am Menschen vorbei, weil sie sich auf die Aufzuchtsbedingungen reduziert. Seelische Verarmung einer Gesellschaft ist nicht mit dem Konzept der Familien- oder Einzeltherapie zu bewältigen. Wiewohl sich Ringel also politisch gab, dachte er bloß humanistisch, nicht eigentlich politisch. (...)

Nun, da er tot ist, wächst die latente Lobhudelei zur maßlosen Übertreibung. Er war kein ,Wissenschaftler von Weltrang', wohl aber ein zäher Kleinarbeiter gegen menschenverachtende Vorurteile. Er hat aus dem von der Kirche der Verachtung preisgegebenen Selbstmörder ein zu respektierendes Krisenopfer gemacht. Dass er den verstorbenen Lebensmüden, die man außerhalb der Friedhofsmauer zu verscharren gewohnt war, einen Platz im Gottesacker verschaffte, ist sein großes Verdienst, mag ihm einmal Weltruhm schaffen."


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