Stadtrand Urbanismuskolumne

Wo wir uns finden wohl untern Linden

Birgit Wittstock nimmt Abschied von einem schattenspendenden Freund vor ihrem Fenster

Stadtleben | aus FALTER 30/14 vom 23.07.2014

Es war ihm schon länger anzusehen, dass es ihm nicht gutgeht. Eine Krankheit, wurde im Bau gemunkelt, aber keiner der Nachbarn wusste Genaueres. Bereits vergangenen Sommer hatte er elend ausgesehen, fahl und als sei alles Leben aus ihm gewichen. Im heurigen Frühjahr dann noch ein letztes Aufbäumen: Es schien, als stünde er wieder ganz in seinem Saft, er strotzte förmlich vor Kraft. Ein Hoffnungsschimmer. Die letzten Wochen allerdings haben sichtlich an ihm gezehrt, ihn in einen Schatten seiner selbst verwandelt. Heute Morgen war es dann so weit: Ein letztes Lebewohl, dann ließ ein Mitarbeiter der Wiener Stadtgärtner die Motorsäge an und säbelte den schönen Lindenbaum direkt vorm Fenster der Autorin um. Farewell, schattenspendender Freund. Dass die Stadt ein todbringender Ort für viele Bäume ist, sieht man in Wien vielerorts: An der Hernalser Hauptstraße müssen 21 Linden gekappt werden. 1500 Bäume jedes Jahr. Kastanien-, Ahorn-oder Lindenbäume trifft es besonders oft. Nun werden an ihrer statt Eschen gesetzt. Die sind angeblich zäher und halten die Wiener Luft besser aus.


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