Arsenal und Spitzentänzchen

Das Festival Impulstanz ist gestartet. Auch im Arsenal sind jetzt wieder alle in Bewegung

Lexikon | Ausflugstipp: Christopher Wurmdobler | aus FALTER 30/14 vom 23.07.2014


Foto: Impulstanz/Judith Lutz

Foto: Impulstanz/Judith Lutz

Man kann sich nicht nicht bewegen. Unter diesem Motto eröffnete Österreichs Bundespräsident vergangene Woche das Festival Impulstanz, das nicht nur jeden Sommer eine Menge internationaler Stars und Besucherinnen in Wiener Theater bringt, sondern in seiner zweiten Schiene sehr viele Menschen in Bewegung.

Und während der Bundespräsident in der Hofburg sein – überraschend bewegliches – Tanzbein schwang, wurde ein paar Kilometer weiter südlich im Arsenal beim neuen Hauptbahnhof noch kräftig gebaut und vorbereitet. Eine Helfer-Armada machte nämlich aus den Schlossereien und riesigen Malerateliers der Bundestheater-Werkstätten (ArtforArt) regelmäßig das schönste und wahrscheinlich auch größte Tanzzentrum der Welt.

Eine Woche vor Trainingsbeginn werden die Werkstätten adaptiert. Werkstättenböden müssen gereinigt, Metallteile oder Farbspritzer entfernt, Löcher verspachtelt werden. Insgesamt 5000 Quadratmeter Tanzboden verlegen die Helfer – allein 600 Quadratmeter im lichtdurchfluteten Malersaal –; dabei verbrauchen sie 100 Rollen Tanzbodenklebeband.

In manche der elf Tanzsäle kommen Ballettspiegel auf Rollen. Und auch die hunderten rosa Impulstanz-Fahrräder, auf denen man auswärtige Gäste jetzt wieder durch die Stadt radeln sieht, haben hier im Arsenal ihr Depot, werden dort gewartet und verliehen.

Im Hof entsteht eine loungige Caféteria mit gemütlichen Sitzmöbeln aus Polstern und Europaletten, mit aufgestellten Kübelpflanzen und einem kleinen Pool. Dort können sich verschwitzte Tänzerinnen und Tänzer dann abkühlen; auf dem Werksgelände gibt es nämlich nur 15 Duschen. Nicht gerade sehr viel für wöchentlich 1000 Kursteilnehmer und, ja, das Poolwasser ist gechlort und wird regelmäßig gewechselt.

Die Türen und Fenster sind weit geöffnet, das große Rolltor auf der Burgtheater-Probebühne, die sich ebenfalls hier befindet, ist hochgefahren – der Sommer soll nicht draußen bleiben. Das Arsenal ist wie eine Insel, die Umgebung trägt viel zur guten, lockeren Stimmung bei.

Erst seit 2000 bespielt Impulstanz das Gelände – und macht es seitdem regelmäßig für ein paar Wochen zum internationalen Sommercamp der Bewegungslustigen. Die Mischung der Leute ist erstaunlich: Neben den professionellen Tänzerinnen und Tänzern, die üblicherweise ein Nomadendasein in einer Tanz-Blase führen, finden sich hier eine Menge Laien, die sich in den Kursen ausprobieren.

Da tanzt dann die ehrgeizige Copycat aus Korea neben der Wiener Rechtsanwältin, der belgische Startänzer neben einem beherzten Arzt oder einer Spitzentanzballerina. Und auch die Profis nutzen die Chance und machen einen Kurs im unbekannten Genre. Im Arsenal kommen Lebenswelten zusammen, wie man es nicht vermuten würde.

In den Gesprächen geht es natürlich oft um das Tanz-Thema, aber eben nicht ausschließlich. Man bedankt sich bei Performern persönlich für die Vorstellung am Vorabend (oder, das soll auch schon vorgekommen sein, übt Kritik). Tanz, merkt man dann, ist immer auch Kommunikation und im Arsenal findet ganz nebenbei auch so etwas wie Kunstvermittlung statt. Sei es, weil man im Kurs erlebt, wie bestimmte Bewegungsabläufe funktionieren. Oder auch, weil man ganz konkret darüber spricht.

Selbst wenn man keinen der mehr als 240 angebotenen Workshops besucht, die Anfang dieser Woche wieder gestartet sind, lohnt sich ein kleiner Ausflug ins Arsenal. Vielleicht hat der Freund einen Kurs besucht oder die Gattin möchte demonstrieren, was sie in fünf Tagen gelernt hat.

Oft zeigen die Teilnehmer, was ihnen in den Kursen beigebracht wurde und es gibt improvisierte Abschluss-„Vorstellungen“; manchmal ist es nur für Auskennerinnen ersichtlich, ob da nun Laien oder doch Profis über den schwarzen Tanzboden wirbeln. Die Stimmung ist jedenfalls bestens, die Luft scheint vor Kreativität nur so zu flirren und es kann sein, dass man in der Zeltcafeteria oder im Schanigarten davor sitzt und gemeinsam mit seiner Lieblingschoreografin einen Couscoussalat isst und bewundernd schweigt.

Die Trainingspausen, die Zeit vor oder nach den Kursen ist für die meisten Impulstänzer fast genauso wichtig, wie die Workshops oder das Performanceprogramm am Abend. Das Arsenal hat also auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion und die Veranstalter geben sich viel Mühe, die Atmosphäre angenehm zu gestalten. Ähnlich wie beim riesigen Kursangebot ist auch hier die Quantität eine Qualität.

Information: www.impulstanz.at


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