Die Frau ohne Eigenschaften

Marie NDiaye legt mit ihrem Roman "Ladivine" ein beklemmendes Meisterwerk über eine Lebenslüge vor

Feuilleton | REZENSION: KIRSTIN BREITENFELLNER | aus FALTER 31/14 vom 30.07.2014

In ihren Büchern geschehen die erstaunlichsten Dinge, und trotzdem handeln sie vor allem von der Welt im Inneren ihrer Protagonisten, von deren Denken, Fühlen, deren Geheimnissen, seelischen Abgründen und Lebenslügen. Auf diese richtet Marie NDiaye ihren kühlen, fast wissenschaftlichen und dennoch obsessiven Blick, breitet sie aus, arrangiert sie neu, deutet sie um.

So entsteht eine furiose Literatur, bei der man den Atem anhält und das Herz klamm wird, bei der man nicht aufhören kann zu lesen, obwohl auf der Handlungsebene manchmal kaum etwas passiert. Da sinniert etwa ein Küchenverkäufer, bevor er aus seinem Auto steigt, seitenlang über seine Ehe, da steht eine Tochter vor dem Haus ihres Vaters und geht nicht rein.

Von einem Mord in einem Provinzwohnzimmer, vom Verschwinden einer Frau und Mutter im afrikanischen Regenwald wird hingegen so beiläufig erzählt, als sei es das Normalste auf der Welt. Marie NDiaye ist der beste Beweis für die alte Weisheit, dass es bei Literatur


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