"Es ist wie Afrika light"

Die Sängerin Jenny Bell erzählt von den Afrika Tagen und wie sie von Uganda nach Wien kam

Lexikon | INTERVIEW: ANNA HOLL | aus FALTER 31/14 vom 30.07.2014


Foto: Afrika Tage

Foto: Afrika Tage

Jenny Bell kam mit 24 Jahren nach Wien. In verschiedenen Formationen vermischt die Sängerin mit der rauen Stimme seither Jazz und Gospelmusik mit den afrikanischen Rhythmen, die sie aus ihrer Heimat Uganda kennt. Sie tritt an den Kaffeehaustisch wie auf eine Bühne, ist lebendig, freundlich und stolz, spricht und lacht gerne. Zur Begrüßung gibt es ein Bussi links und rechts, als kenne man sich schon ewig.

Falter: Man hört viel Gospel, Jazz und Afro-Beat in Ihren Liedern. Sind das Ihre Wurzeln?

Jenny Bell: Zu Hause in meiner Familie waren wir alle sehr musikalisch, besonders mein Vater. Wenn er am Abend nach Hause kam und gute Laune hatte, dann haben wir alle Musik gemacht. Wir waren 17 Kinder. Er hat Geige gespielt und ich habe dazu gesungen. In Wien haben mir alle gesagt, ich soll Gospel, die traurige Musik von Sklaven, singen. Aber ich kannte von zu Hause nur fröhliche Musik. Ich habe es trotzdem probiert und bin dann da reingerutscht.

Aufgefallen sind Sie in Uganda durch Ihre Protestsongs gegen den Diktator Idi Amin.

Bell: Wir Kinder haben damals auch gemerkt, dass alles nicht mehr so wie früher ist, dass die Leute nicht mehr so fröhlich sind. Die Stimmung war am Kochen. Man hörte von Kindern, deren Papa verschwunden war. Es gab Menschen, die hat man nie mehr gesehen. Immer mehr Militär war auf der Straße. Am Abend ist mein Vater früher nach Hause gekommen wegen der ständigen Schießereien. Meine Musik hat sich wie das Umfeld verändert. Ich bin da in eine Schiene reingekommen, wo es sehr gefährlich wurde.

Worum ging es in den Liedern?

Bell: Ich habe Fragen gestellt: Warum sind die Männer an der Macht so böse? Warum gibt es keine Wahlen? So heavy waren die Texte gar nicht. Aber so habe ich im Kleinen angefangen zu protestieren.

Immerhin hat Ihr Vater dann für Sie ein Stipendium in der Sowjetunion besorgt, um Sie aus Uganda zu schaffen.

Bell: Mein Vater wollte, dass ich weit weg bin von Uganda, weil er Probleme gerochen hat. Er dachte sich: Wenn die Nachbarn mein Singen im Dorf hören, erzählen sie es weiter, und die Polizei kommt. Er war sehr beunruhigt. Das Stipendium war eine andere Art von Flucht.

Wie kamen Sie vom Kunststudium in der UdSSR nach Wien?

Bell: In Uganda war ich in einem Internat von österreichischen Klosterschwestern. Damals haben wir Briefe nach Österreich geschrieben. Das wurde neben der Musik mein Hobby. Mit einem Brieffreund habe ich auch noch während des Studiums korrespondiert. Ich habe ihn dann in Österreich besucht. Er hat mir die Berge in Kufstein gezeigt. Wir haben uns verliebt, und später dann geheiratet.

Zum fünften Mal singt Jenny Bell heuer bei den Afrika Tagen. Was halten Sie von dem Festival?

Bell: Die Leute tun sich oft schwer mit Afrikanern. Manche haben sogar Angst. Bei den Afrika Tagen tastet man sich langsam an die Kultur heran. Ich finde es richtig toll, dass ein bisschen Kommunikation zustande kommt. Wenn man dort ist, muss man das halt inhalieren, egal ob man Angst hat oder nicht.

Welches Bild gibt es von Afrikanern in Wien?

Bell: Das ist schwierig. Wir Afrikaner hatten viele Jahre ein schlechtes Image. Wenn man einen Afrikaner gesehen hat, war der erste Gedanke: Drogendealer. Ich glaube, neunzig Prozent der Leute denken so – obwohl sie keine Afrikaner kennen. Da kannst du machen, was du willst, diese Menschen werden auch nicht auf die Afrika Tage kommen. Das ist drinnen im Kopf und bleibt dort auch. Aber es ist schon besser geworden.

Erzeugen die Afrika Tage ein authentisches Bild von Afrika oder ein vorgegaukeltes?

Bell: Wenn ein Tourist nach Afrika kommt, ist auch vieles vorgegaukelt. Viele bleiben nur im Hotel und wollen keinen Kontakt nach außen, weil es geheißen hat, es ist so gefährlich. Die kennen dann auch das wahre Afrika nicht.

Und auf den Afrika Tagen?

Bell: Die Stimmung beim Markt mit Trommlerei, Tanzerei und Essen, und das alles konzentriert auf einen Fleck, fühlt sich schon an wie ein paar Stunden Afrika in Wien. Ein besseres Bild kannst du nicht erzeugen, wenn du nicht selbst in dem Land bist. Ich finde das schon super, wenn die Österreicher das erleben. Sie lernen Afrika, oder sagen wir, Afrika light kennen.

Hören wir die Protestsongs auf den Afrika Tagen ?

Bell: Die gibt es nicht mehr. Jetzt bin ich hier in Wien angekommen.

Donauinsel, 1. bis 17.8., www.afrika-tage.de


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