Enthusiasmuskolumne Diesmal: der beste Schwammerlfund der Welt der Woche

Der Tag, an dem der Pilzdamm brach

Feuilleton | MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 31/14 vom 30.07.2014

Zeit: Sonntag, 14 Uhr. Gegend: irgendwo im Voralpenland (exakte Angaben können aus naheliegenden Gründen nicht gegeben werden). Diagnose: Schwammerlwahn. Es gehört zu den angenehmen Erscheinungen des Durch-die-Gegend-Streifens (siehe auch "Landpartien", S. 33), dass die eine oder andere Frucht des Waldes dabei herausschaut. Während sich für die Begegnung mit Himbeeren und Schwarzbeeren das Verb "ernten" eingebürgert hat, heißt es in Bezug auf Pilze "suchen". Man geht in die Natur, um Steinpilze und Pfifferlinge vulgo Eierschwammerln zu suchen, nicht um sie zu klauben. Ganz selten kommt es vor, dass sich der Wald von einem Suchfeld in eine Plantage verwandelt, was im Schwammerlsucher ähnliche Gefühle auslöst wie ein Fußballtor, das von der gegnerischen Mannschaft nicht mehr verteidigt wird. Die Pilze an dem einen Platzerl sind gepflückt, schon leuchten die nächsten Nester zwischen den Fichtennadeln hervor.

Der Enthusiasmus verwandelt sich ziemlich rasch in die Panik, nicht genug Stofftaschen dabeizuhaben. Und wie soll man das alles über den Berg hinunterschleppen? Einige herumliegende Pilze deuten darauf hin, das ein anderer Sucher die Stelle entdeckte, aber warum hat er nicht alle mitgenommen? Nein, es war ein Reh, das hier ebenfalls aus dem Vollen schöpfte. Einmal reinbeißen und weiter.

Plötzlich verwandelt sich die Gier des Jägers in das interesselose Wohlgefallen des Betrachters. Sind sie nicht schön, die gelben Flecken auf dunklem Grund. Und wie die Trichter sich aus den Grasbüscheln schälen, nass glänzend vom letzten Regenguss. Da oben würden noch ein paar Kilo stehen, aber bin ich ein Plantagenarbeiter? Nur diesen Steinpilz da nehme ich doch noch mit. Von denen gibt es nicht so viele hier.


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