Kommentar Kunst

Gefängnis für einen Sprayer: warum Puber gute Kunst ist

Meinung | MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 31/14 vom 30.07.2014

Der Schweizer Graffitisprayer Renato S. wurde unlängst von einem Wiener Gericht wegen schwerer Sachbeschädigung zu einer mehrmonatigen Haftstrafe verurteilt (siehe auch S. 38). Der Fall war Anlass nicht nur für juristische Diskussionen über die Höhe der Strafe, sondern auch über den künstlerischen Wert der Schriftzüge, die aus einem einzigen Wort bestehen: "Puber", wie auch das Pseudonym Renatos lautet. Kann so eine auf die Fassade gerotzte Signatur Kunst sein?

Tatsächlich bedient sich der Schweizer einer originellen Mischung aus Ornament und Politik. In seiner betonten Kunstlosigkeit erinnern die Puber-Tags an die Figuren von Harald Naegeli, der Ende 1980er-Jahren als Sprayer von Zürich bekannt wurde. Dass er sich auf sein Pseudonym beschränkt, ist eine Verbeugung vor den style writers der Jugendkultur New Yorks, wo das Überschreiben von Fassaden und Zügen in den 70er-Jahren populär wurde.

Die hübschen Ornamente der Sprayer gelten heute als Ausdruck juveniler Authentizität und sind daher ein Liebkind von PR-Managern. Die Stadtplaner haben dem "Ghetto-Style" eigene Übungswände zugewiesen. Puber gibt dem mittlerweile unter Therapie-und Kunsthandwerkverdacht stehenden Genre seine Energie zurück, feiert das "Bomben", wie das illegale Bemalen von Flächen genannt wird, als Kulturtechnik einer pietätlosen Pubertät.

Die Schablonenbilder von Banksy avancierten zur Auktionsware, eine Gefahr, die Puber vermeidet. Seine Tags sind so einfach, dass jeder Bube ein Puber sein kann. Pubers Aktionskunst führt das Sprayen zu seinem Ursprung zurück - dem Angriff der Vandalen auf die besitzenden Stände. F


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