Ein zweites Nest

Das dunkelste Lokal der Wieden wurde zur Filiale des hellsten in Sievering

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 31/14 vom 30.07.2014


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Es begann damit, dass Wolfgang Maringer gern guten Kaffee trinkt. Und deshalb auch einen etwas weiteren Weg zu Max Berggholds Café Nest in Sievering in Kauf nahm, weil in seiner näheren Wohnumgebung da sonst nichts Vergleichbares zu bekommen war. Dieses Café Nest ist ein bezauberndes sogenanntes „Shabby Chic“-Lokal in einem kleinen 50er-Jahre-Salettl mitten in Sievering, das über Jahre hinweg leer stand, bis Quereinsteiger Bergghold 2012 damit begann, hier guten Espresso zu machen, Galettes und Frühstücke (mit Eggs Benedict!) zu fabrizieren.

Wolfgang Maringer wiederum ist Kind einer Gastronomenfamilie, hatte 20 Jahre das Café Porzellan und war Mitbegründer des Fluc. Und überzeugte Max Bergghold davon, mit ihm ein zweites Café Nest aufzumachen. Zwei Jahre suchten sie, bis sie das „Wiedener Stüberl“ fanden, ein kleines, unendlich finsteres Lokal („da hast sogar untertags das Licht aufdrehen müssen“), das sich zwar mitten im Freihaus-Epizentrum befand, dort aber aufgrund seiner geduckten Finsternis nicht wirklich wahrgenommen wurde (und wahrscheinlich auch, weil es nur an drei Tagen die Woche offen hatte).

Maringer und Bergghold ließen eine Zwischendecke und ein paar Wände entfernen, ersetzten die bis dahin nur per Hand auszuhängenden „Schiebefenster“ durch ein martialisches Flaschenzugsystem, ließen sich eine alte Schank im Retrostil und ein ziemlich gemütliches Großsofa bauen, beließen sonst aber so viel alte Substanz wie irgend möglich. Was sie nämlich sicher nicht wollen, sei ein ebenso unbezahlbares wie austauschbares Designer-Café, meint Maringer.

Der Glasnost-Effekt zeigte jedenfalls unmittelbar Wirkung, das Lokal – das nun auch „Café Nest“ heißt, Untertitel „Vom Einfachen das Beste“ – wurde vom ersten Augenblick an gut angenommen, und zwar sowohl von den Jungen als auch von den Alten, so Maringer. Was zweifellos am guten Platz liegt, an dem einzigartigen 30er-Jahre-Haus mit dem Bug, an dem angenehmen Groove, der im vergangenen Jahr in der Operngasse mit Radlager, Coffee & Bread, Metcha Matcha und anderen entstand. Weniger Ursache für den Erfolg dürfte einstweilen der Umfang des Angebotes sein, denn das ist noch sehr schmal: Da ist zuerst einmal – eh klar – großartiger Espresso aus einer formschönen La-Marzocco-Maschine, da stehen zweitens ein paar sehr interessante Biere im Kühlschrank (Tegernseer, Mikkeller aus Kopenhagen, Brewdog aus Schottland, Anchor aus den USA, Bierzauberei aus Österreich etc.) und da werden drittens Crêpes und Galettes gebacken. Das war’s auch schon, im Herbst sollen noch Pierogi, gefüllte Teigtaschen, dazukommen, hausgebackene Kuchen gibt’s auch.

Aber für die elaborierten Szeneküche-Ansprüche gibt’s ein paar Meter weiter eh das Heuer am Karlsplatz. Da ist so eine Galette „des Tages“ – das war an diesem Tag mit Eierschwammerln – eigentlich auch sehr okay. Und der Espresso ist super.

Resümee:

Ein kleines Lokal mit kleinem Angebot, das aber mit Charme und guter Location punktet.

Café Nest
4., Operng. 25
Mo–Sa 8–23 Uhr
www.cafenest.at


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige