Ein schmales, aber tiefes Werk - als Graz noch Hauptstadt der Avantgarde war

Lexikon | KONZEPTKUNST-SCHAU: ULRICH TRAGATSCHNIG | aus FALTER 31/14 vom 30.07.2014

Mit der Retrospektive auf das schma le, die Gebrauchsgrafik ambitioniert Richtung Konzept-und Medienkunst übersteigende Werk von Karl Neubacher (1926-1978) will das Kunsthaus Graz "Vergessenes sichtbar machen". Dieser Anspruch, den Ausstellungskurator Günther Holler-Schuster als wesentliche Aufgabe eines Museums sieht, erfüllt sich dabei gleich doppelt. Nicht nur hat Neubacher, der sich eine allzu kurze Lebenszeit hindurch dem Kunstmarkt gegenüber gepflegt verweigerte, Gras über sein Werk wachsen lassen. Die Rolle von Graz als ehemalige Hauptstadt der Avantgarde, wie sie in den Plakaten Neubachers für trigon und den steirischen herbst, aber auch in deren zeitgenössischer Rezeption sichtbar wird, droht ja ebenfalls bereits aus dem Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Dass die nun besorgte Schau ein wenig gedenkstättenartig anmutet, mag auch daran liegen, dass Neubacher Gesellschaftskritik vor allem mit Hilfe der eigenen Person zum Ausdruck brachte, sich selbst immer wieder als Stellvertreter menschlicher Existenz ins Spiel bzw. ins Bild brachte. Auf dem Plakat zum steirischen herbst 1971 trat er in vier Abbildungen, die jeweils nur ein Sinnesorgan seines Gesichts zeigten, vor das darob verstörte Publikum. Dieses hat, wie ein TV-Bericht zeigt, das Ganze "für'n Gugelhupf" und "für Oarsch und nix" gehalten, eifrig die Plakate bekritzelt und damit immerhin zur Hälfte eine Haltung eingenommen, die der Künstler zuvor mit "der offene, aktive Mensch" betitelt hatte. So etwas würde heute kaum noch passieren. Aber wohl nicht, weil das Publikum inzwischen noch offener und aktiver geworden wäre. F Kunsthaus Graz, Space 02, bis 12.10.


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