Herr der Haare

Einst war Österreich eine Großmacht im Friseurwettkampf. Veteranen erzählen, warum die Welt der Friseure zusammenbrach

Stadtleben | SALONBESUCH: MORITZ GOTTSAUNER-WOLF | aus FALTER 32/14 vom 06.08.2014


Foto: Christian Wind

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Einen guten Friseur erkennt man an den Trophäen in seinem Geschäft. Einen richtigen Champion aber an den Trophäen, die nicht mehr da sind. „Ich habe sicher schon hundert Pokale weggeschmissen, weil ich nicht wusste, wohin damit“, sagt Richard Jovanovic, 47, Besitzer des Friseurgeschäfts Hair Design Richard in der Thaliastraße. In dem winzigen Lokal sind vor lauter Urkunden die Wände kaum mehr zu sehen. Auf den Regalen stehen Pokale in Reih und Glied. Sie zeugen von großen Siegen bei internationalen Friseurwettbewerben. Nicht Richard Jovanovic hat sie gewonnen, sondern sein Sohn Daniel, 23. An der Außenfassade prangt das lebensgroße Konterfei des jungen Mannes, behängt mit Medaillen in Gold, Silber und Bronze. Darunter eine Auflistung seiner Titel, vom Europameister bis zum Vizeweltmeister. In der grellglitzernden Welt des Sportfrisierens gehören Richard und Daniel Jovanovic zu den Stars.

Es mag skurril anmuten, doch wenige Gewerbe werden mit vergleichbarer Hingabe wettkampfmäßig betrieben wie das Frisieren. Seit Ende der 1940er-Jahre messen sich alle zwei Jahre die besten Friseure der Welt im Schneiden, Föhnen, Kämmen und Haarsprayen bei den Weltmeisterschaften. Sie treffen sich in Metropolen wie Tokio, Paris oder Chicago. Über Jahrzehnte galten die Weltmeister als Aushängeschilder der Branche. Sie wurden von Kosmetikfirmen für Shows gebucht und bestimmten die neuen Haartrends mit. Mittendrin waren Friseure aus Wien; Österreich galt neben Frankreich, Deutschland und Italien als absolute Großmacht. Wiener Friseurdynastien wie Bundy Bundy wurden auch mit ihren Weltmeistertiteln groß. Aber die guten Zeiten sind längst vorbei. Seit Jahren gehen die Zuschauerzahlen bei Großevents zurück. Hierzulande durchbricht das Preisfrisieren nur noch selten die Wahrnehmungsschwelle, es fehlt der Nachwuchs und das Geld. Lediglich Einzelkämpfer wie die Jovanovics spielen noch in der obersten Liga der Friseure von Welt mit.


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