Tiere

Sommerreisen III

Falter & Meinung | aus FALTER 32/14 vom 06.08.2014


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ dichtete 1895 der russische Revolutionär Leonid Petrowitsch Radin in einem Moskauer Gefängnis, und sehr bald wurde es von politischen Gefangenen auf ihrem oft fatal endenden Marsch in die sibirische Verbannung gesungen. Was Insekten auf ihrem ebenso apokalyptischen Flug in die Kerzenflamme summen, ist aber nicht bekannt.

Für die insekto-suiziden Beweggründe gibt es zumindest einige Theorien. Bislang galt, dass sich die meisten Insekten nächtens an Lichtquellen wie dem Mond orientieren. Da dieser Himmelskörper quasi unendlich weit entfernt ist, brauchen die Tiere einfach immer nur einen bestimmten Winkel einzuhalten, um geradeaus zu fliegen. Menschliche Lichtquellen wie Straßenlampen oder Kerzenflammen sind für diese Art der Navigation aber viel zu nahe.

Will nun zum Beispiel ein Nachtfalter den gleichen Winkel zu einer nahen Laterne beibehalten, dann muss er seinen Kurs ständig korrigieren und nähert sich dabei in spiralförmigen Bahnen immer weiter der Lampe an.

Andere Entomologen vermuten hingegen, dass die Insekten von menschlichen Lichtquellen so stark geblendet werden, dass sie mit ihren ebenso empfindlichen wie lidlosen Facettenaugen nichts anderes mehr wahrnehmen können. Orientierungslos flattern sie dann auf das meist tödliche Licht am Ende des Tunnels zu.

Unsere kleinen sechsbeinigen Freunde werden auch von spiegelnden Wasserflächen angelockt. Kein Arbeiterlied fängt diese morbide Situation solcher Insekten ein, aber der deutsche Rockmusiker Farin Urlaub trifft es in einem Song ganz gut: „In meinem Traum steh ich am Meer, mit dem Gefühl, als ob es gleich zu Ende wär.“

In der Abenddämmerung landen zahlreiche Kerbtiere auf glitzernden Wasserflächen, werden von der Oberflächenspannung festgehalten und ertrinken. Das freut die Besitzer der immer zahlreicher werdenden Gartenpools sehr wenig. Das ist schade, denn anstatt diese Tiere nur mürrisch und leise fluchend mit dem Kescher herauszufangen, könnte man sie auch kennenlernen.

Im Verlauf eines Sommers sind es immer andere Arten, die im Wasser landen und die sich – bevor die Flügel trocken sind – auch ganz einfach beobachten lassen. Meine kleine Reiseempfehlung: im Pool liegen und mit den Insekten baumeln. Die Seele kommt dann gleich dazu.


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