Tiere

Sommerreise IV

Falters Zoo | aus FALTER 33/14 vom 13.08.2014


Jetzt zu Beginn des Spätsommers wird in Schweden die kräftskiva, das Krebsfest, gefeiert. Man lädt dazu Freunde ein, trägt lustige Hütchen und hält sich strikt an die erprobte Reihenfolge „ein Krebs, ein Schnaps, ein Lied“. Früher aß man selbstgefangene heimische Flusskrebse, diese sind aber infolge der Krebspest ziemlich selten geworden. Egal, jetzt gibt es halt importierte Signalkrebse, die gegen diesen nach Europa eingeschleppten Pilz resistent sind. Zoophile Reiseempfehlung gibt es daher für Schweden keine. Die 1500 Flugkilometer belasten außerdem das Karma so schwer, dass man bestenfalls als Kieselstein wiedergeboren wird.

Wozu auch so weit schweifen, wild lebende Krebse gibt es auch in Wien zu sehen. Dazu reicht eine Fahrt mit der Linie 43 nach Neuwaldegg. Dort, gleich nach der Endstation, beginnt der Schwarzenbergpark, der im 18. Jahrhundert einer der größten Lust- und Landschaftsgärten Europas war. Eine schnurgerade, zwei Kilometer lange Allee führt an zwei Obelisken vorbei, zwischen denen – einer alten urbanen Legende nach – Maria Theresia sich eine Schaukel hat spannen lassen. Nach etwa einem Drittel der Strecke hört man an trockenen Tagen das zarte Ploppen von Tennisbällen. Noch vor dem Sportplatz Marswiese verlässt man die Allee und steigt ein paar Meter zum kleinen Alsbach hinunter. Von da an stiefelt (wörtlich!) man gegen den Wasserlauf zum Hanslteich hinauf. Hier leben noch Steinkrebse, die kleinste europäische Flusskrebsart. Am Gewässerrand gräbt dieser kleine Höhlen unter Steinen, Wurzeln und totem Holz. Lange bevor auf Youtube die Fischfangmethode „noodling“ populär wurde (Katzenwelse beißen sich in der Faust fest und werden mit dieser aus dem Wasser gezogen), gab es in Europa eine ebenso mutige Weise, Krebse aus dem Wasser zu holen. Wer sich keine Fangkörbe leisten konnte – Krebsfleisch war ein Arme-Leute-Essen –, der steckte einfach seine Finger unter Vorsprünge am Bachufer und hoffte, dass die Krebse zuschnappen würden. Das funktioniert auch heute noch, und der Schmerz, den diese maximal acht Zentimeter großen Tiere mit ihren Scheren verursachen können, liegt weit unter dem, was elegante Schuhe an Damenfüßen anrichten können.

Steinkrebse haben den Schutzstatus „stark gefährdet“, also vorher Hände waschen, kurz bewundern und wieder sanft ins Wasser setzen. So geht Sommer.


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