Twin Towers aus Zucker, Panzer aus Butter

Der gebürtige Steirer, Schelm und Vielarbeiter Christian Eisenberger ist im Grazer Künstlerhaus zu sehen

Lexikon | Tiz Schaffer | aus FALTER 34/14 vom 20.08.2014

Vor zwei jahren ist im deutschen Kerber-Verlag ein kleinformatiger, aber dicker Band zu Christian Eisenbergers Kunstschaffen erschienen, der auf seine Anfänge fokussiert. Die Eingangsworte von "Reserve. Help me kill me" lauten: "Christian Eisenberger wünschte sich eigentlich ein Kinderbuch, da diese die Kunden von morgen seien, entstanden ist letztlich dieses." Ja, so ist er - ein Schelm. Aber als Künstler ernst zu nehmen. Gibt es eigentlich jemanden, der mit seinem Gesamtwerk vertraut ist? Wohl kaum, damals umfasste es schon 45.000 Werke. Man darf ihn sich wohl als besessenen Vielarbeiter vorstellen, der vorgeschriebene Ruhezeiten ignoriert.

Eisenberger wurde 1978 in Semriach geboren, bekannt wurde er im Laufe der Nullerjahre, als er damit begann, im öffentlichen Raum und anonym bemalte Pappkameraden zu platzieren; es waren Außenseiter der Gesellschaft, etwa Obdachlose oder Migranten. Mit sehr einfachen Materialien hat der heute neben Semriach in Wien lebende Künstler immer wieder gearbeitet - Pappe, Sperrholz oder Klebeband. Irgendwo zwischen Arte povera, Street-Art, Aktionismus und Art brut, skulptural wie malerisch, stets experimentell, den Eindruck des Hingeworfenen erweckend, aber sich trotzdem oder genau deshalb in der Erinnerung festschraubend: Sei es seine einstige Kunsthalle in Semriach, die K2, die so groß war wie eine Schuhschachtel. Oder die Aktion "Error No Signal" in der Grazer St.-Andrä-Kirche, als er 40 Tage lang fastete und schwieg. Im Clownskostüm und mit einem Spielzeugsprengstoffgürtel besuchte er in London die Saatchi Gallery und die Tate Modern und rief so die Polizei auf den Plan. Von bissigem Humor sind auch seine wohl in der Tradition der Vanitas-Motive stehenden Arbeiten: Er fertigte nicht nur Skulpturen aus Eis und Schnee an, sondern etwa auch kleine Militärpanzer aus Butter oder zwei Türme aus Zucker mitten in einem großen Ameisenhaufen mit dem Titel "Twin Towers". Im Künstlerhaus zeigt der Kunst-Guerillero nun "leise" skulpturale und malerische Arbeiten. Man kann es sich eigentlich kaum vorstellen.

Parallel zu Eisenberger sind Arbeiten des deutschen Malers André Butzer zu sehen, "grelle, gestisch-expressive und sehr farbenstarke Malerei", man darf sie als "Science-Fiction-Expressionismus" bezeichnen. Der Spaß ist noch nicht vorbei, am selben Tag eröffnet obendrein die New Yorker Künstlerin K8 Hardy, Mitbegründerin des queer-feministischen Künstlerinnen-Kollektivs LTTR, eine Schau. "Sie meidet", heißt es bezüglich ihrer Fotografien, Skulpturen und Videos, "handwerklich basierte Virtuosität". Ganz schön frech!

Künstlerhaus, Graz, Fr 18.00 (Eröffnung)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige