Schwarze Krähen, weiße Pferde

Im Augarten: Frühstücken, Sport, Spaß, Kultur und nun auch Schlafen - hier ist alles möglich

Lexikon | Ausflugstipp: Nathalie Grossschädl | aus FALTER 34/14 vom 20.08.2014


Ausstellung „Swinging Fifties“ in der Porzellanmanufaktur Augarten: Teetasse und Milchgießer aus dem Jahre 1955 (Foto: Neue Wiener Porzellanmanufaktur Augarten)

Ausstellung „Swinging Fifties“ in der Porzellanmanufaktur Augarten: Teetasse und Milchgießer aus dem Jahre 1955 (Foto: Neue Wiener Porzellanmanufaktur Augarten)

Vergleicht man ihn mit anderen Wiener Parkanlagen, dann ist der Augarten ein verwilderter Park. Er hat zwar auch Wiesen mit akkurat geschnittenem Rasen und angelegte Beete mit Blumen und Sträuchern. Den Großteil von Wiens ältestem barockem Garten machen aber waldartige und mit Stauden und Brennnesseln überwucherte Parzellen aus.

In umzäunten Schutzbereichen sollen Eichhörnchen vor Hunden Zuflucht finden, oder es verstecken sich landwirtschaftliche Anlagen dahinter. Die Leopoldstädter und Brigittenauer lieben ihren 52 Hektar großen Park. Der Augarten ist ein Volksgarten und nicht nur für sie ein Stück Natur im Grau der Stadt, hier weicht der Autolärm dem Vogelgezwitscher. In dem riesigen Gelände kann es schon vorkommen, dass man beim ersten Besuch die Orientierung verliert. Das Stammpublikum zeigt gerne lächelnd den Weg. Es ist ihnen am Anfang nicht besser ergangen.

Bevor frühmorgens die Pforten geöffnet werden, haben im Augarten die Krähen das Sagen. Sie sind die Chefs. Zumindest hat es den Anschein, als hätten sie die Tauben unterjocht. Geht es um liegengebliebene Brotkrümel, müssen sich die Tauben hinten anstellen, bis sich die stärkeren Krähen bedient haben. Krächzend sammeln sich die schwarzen Vögel über den beiden Flaktürmen, immer auf der Suche nach Nahrung.

Kurz nach sechs tauchen im Park die ersten Jogger und Hundebesitzer auf. Es kommen immer mehr junge Eltern dazu, die ihren Nachwuchs in Kinderwägen die Kastanien- und Lindenalleen entlangkarren. Je später die Stunde, umso mehr Betrieb. In den Ferien oder am Wochenende drängen Kinder jeden Alters zu einem der fünf Spielplätze oder bei Badewetter in Richtung Augartenbad.

Im Schatten unter Bäumen trifft sich sonntags für gewöhnlich eine Gruppe älterer Herren zum Bocciaspielen. Man hört sie schon von weitem lautstark über das Spiel lamentieren. Nicht weit davon haben sich ihre Frauen niedergelassen. Verkehrt, mit dem Rücken zum Gehweg, haben sie sich auf Bänken zusammengerottet. Sie wollen nicht gestört werden, stecken die Köpfe zusammen und sind komplett ins Gespräch vertieft.

Zwischen zwei Bäumen haben Jugendliche einen Gurt gespannt und vertreiben sich die Zeit beim Slacklining. An einer anderen Ecke jagen Frisbees und Fußbälle durch den Spätsommerhimmel. Abseits, etwas versteckt im Gebüsch, sitzt ein Musiker. Er klampft auf der Gitarre und singt mit kneipenrauer Stimme Lieder von Bob Dylan.

Der Augarten gehört allen. Er zieht nicht nur Einheimische, sondern auch viele Touristen an. Sie kommen großteils wegen der Porzellanmanufaktur Augarten. Das Augarten-Porzellan genießt Weltruf. Feiner geht es kaum. Hebt man eine weiße Kaffeetasse zum Auge, sieht man sogar den Lichtstrahl durch. Kunden aus den Emiraten, Japan oder China, weiß die sympathische Dame an der Kasse, ließen im Museumsshop schon mal ein Vermögen liegen. Die Manufaktur kommt kaum nach, die Nachfrage zu decken.

„Japaner kaufen vor allem Porzellan mit Blumenmotiven, Chinesen mögen grafische Designs, und Kunden aus den Emiraten sind von Porzellanpferden der Serie ‚Spanische Hofreitschule‘ begeistert“, erzählt sie. Übrigens, die teuerste ausgestellte Pferde-Reiter-Figur kostet 5559 Euro. Im Museum läuft bis 25. Oktober die Sonderausstellung „Swinging Fifties“. Gezeigt werden Porzellane und Entwürfe von Oswald Haerdtl, Ursula Klasmann u.a. Vorbeischauen lohnt sich aber auch mit weniger Geld im Börserl. Begleitende Porzellan-Muffel können währenddessen im schicken Café-Restaurant Augarten warten und sich einen Drink gönnen.

Zentral in der Mitte der Oberen Augartenstraße in einem alten Flachbunker ist der Sitz der Bunkerei. Im Gastgarten des Lokals spielen Frauenbands im Rahmen der Reihe „Weibersommer“ noch jeden Sonntag bis Ende August auf. Auf dem Programm stehen Weltmusik und Wienerisches. Liebhaber von klassischer Musik und eines gepflegten Frühstücks haben die Möglichkeit, noch jeden Sonntag bis 31. August im Bunkerei-Gastgarten zu brunchen.

Über Tische turnen die Akrobaten im Rahmen des „Secret Circus“. Um 18 Uhr geht es am 21. und 28. August los, der Eintritt ist frei. Total unentspannt und einen ordentlich verspannten Rücken? Dann sind die Shiatsu-Behandlungen in der Wiese genau das Richtige! Zu genießen sind sie noch bis 7. September, jeden Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

Den ganzen Tag lässt es sich herrlich im Augarten abhängen. Aber was ist in der Nacht? Bis 23. November hat man die Möglichkeit, sich im Thyssen-Bornemisza Art Contemporary aufs Ohr zu legen. Zentrales Element der Ausstellung „Leben“ des belgisch-deutschen Künstlers Carsten Höller ist ein gemütliches Aufzugsbett. Interessierte können eine Übernachtung darin über das Hotel Sofitel Vienna Stephansdom buchen. Na dann, gute Nacht!

Infos: www.wien.gv.at, www.augarten.at, www.bunkerei.at, www.tba21.org


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