Nüchtern betrachtet

Der Schneider in mir harrt seiner Befreiung

Feuilletonchef Klaus Nüchtern berichtet aus seinem Leben. Die Kolumnen als Buch: www.falter.at

Feuilleton | aus FALTER 34/14 vom 20.08.2014

Mein Verhältnis zum Schneiderhandwerk darf als ambivalent bezeichnet werden. Ließ sich meine Mutter wieder einmal eine extravagante Rohseidenrobe nähen, fuhr uns der Chauffeur im Bentley zu ihrer Schneiderin, denn aufgrund meiner arsonistischen Neigungen ließ man mich ungern allein zu Hause. Nur die Ausflüge in Ausstattungshäuser zwecks Aufstockung unserer Messerbänkchenbestände waren noch langweiliger. Einzige Attraktion im Salon der Schneiderin war eine Vorrichtung, mit der sich mithilfe eines kleinen Blasebalges Kreidelinien an Röcke pusten ließen. Der Rocksaumhöhenpneumoindikator (so die offizielle Bezeichnung) war definitiv nicht für den Schabernack von Sechsjährigen vorgesehen, was ihn freilich umso faszinierender machte und der arroganten Perserkatze der Schneiderin über die Jahre eine Staublunge eintrug.

Ein gewisses Interesse vermochte ich auch noch dem rasenden Gesurre und Genadel der Singer-Nähmaschine entgegenzubringen, unter dem meine Mutter unsere Einbrechereinteiler


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