Fragen Sie Frau Andrea

Postmoderne Umziehstrategien

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 34/14 vom 20.08.2014

Liebe Frau Andrea, in Bädern gibt es keine getrennten Garderoben für Männchen und Weibchen (mehr), sondern nur einen gemeinsamen Umziehraum. Nachdem das An-und Ablegen der Schwimmkleidung aus meiner Sicht möglichst rasch und effizient vonstattengehen soll, habe ich bisher noch nie die dafür vorgesehenen Umkleidekabinen benützt, sondern mich immer im Garderobenraum vor meinem Spind aus- oder angezogen. Es hat sich darüber zwar noch nie jemand beschwert, dennoch bin ich mir nicht sicher, ob mein Vorgehen kulturell statthaft ist. Was meinen Sie?

Herzliche Grüße

Herwig Ziebermayr, per E-Mail

Lieber Herwig,

vor jeder anderen wollen wir auch in diesem Fall die Machtfrage stellen. Warum passiert was, und wer dient wem? Hinter der Zusammenlegung getrennter Umziehbereiche stehen ökonomische Überlegungen. Im Falle des privaten Badebetriebs die Gewinnmaximierung, in jenem des öffentlich verwalteten Badebetriebs die Verlustminimierung. In einer idealen Welt fänden wir wohl großzügige Kabinen vor, um uns darin vor den Blicken anderer mit den Textilien der Schwimmweltcouture zu gewanden. Mit moderaten Eintrittspreisen ist dies kaum zu vereinbaren.

War die abschließbare Mietkabine einst Standard für Wohlbetuchte und das Kästchen im Gemeinschaftssaal -nach Geschlechtern getrennt - den Finanzschwachen vorbehalten, schlug die postmoderne Profitwelt alles in eins. Mietkabinen rechneten sich nicht mehr, die Trennung der Geschlechter ebenso wenig. Um ein Mindestmaß an Intimität zu bewahren, sind in postmodernen Badeanstalten Umziehkabinen eingerichtet. Zur Statthaftigkeit Ihrer Umziehstrategie sei angemerkt, dass sich diese dem (fremden) ökonomischen Diktat unterwirft, indem Ihr Kleiderwechsel möglichst schnell vonstattengeht. Maskiert ist Ihr Vorgehen mit militärisch-sportlichem Habitus, worauf Ihre Begrifflichkeit "Spind" für das Kleideraufbewahrkästchen hinweist. Was ist zu tun? Gönnen Sie sich den Luxus der Langsamkeit! Ziehen Sie sich wie Napoleon um und nicht wie der gemeine Soldat. Verschonen Sie das eigene wie das andere Geschlecht mit dem Anblick Ihrer Unterwäsche und Reproduktionsorgane. Kommen Sie schon im Bademantel aus der Dusche! Seien Sie napoleonisch, seien Sie elegant!


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