"Keine Reunion in dem Sinne"

Die Hamburger Band Blumfeld tourt wieder. Jochen Distelmeyer über 20 Jahre "L'Etat et Moi"

Lexikon | aus FALTER 35/14 vom 27.08.2014


Foto: Nic Frechen

Foto: Nic Frechen

Im August 1994 erschien das zweite Album der Band Blumfeld um den Sänger, Gitarristen und Texter Jochen Distelmeyer. „L’Etat et Moi“ wurde zu einem Schlüsselwerk des Diskurspop und enthält ewige Lieblingslieder der intelligenten deutschsprachigen Popmusik wie „Verstärker“ oder „2 oder 3 Dinge, die ich von dir weiß“. Nach dem Blumfeld-Aus 2007 machte Distelmeyer noch ein Soloalbum, dann herrschte Schweigen. Zum 20. Geburtstag von „L’Etat et Moi“ gehen er und die anderen Gründungsmitglieder André Rattay (Schlagzeug) und Eike Bohlken (Bass) wieder auf Tour.

Falter: Sie proben gerade. Wie läuft’s?

Jochen Distelmeyer: Die Stimmung ist gut, geradezu ausgelassen. Ich hatte die meisten Lieder noch sehr präsent, da ich auch in späteren Jahren immer wieder mal was davon gespielt habe. Aber auch den anderen ging es ähnlich. Eike hat gemeint, sein Kopf konnte sich zwar nicht mehr wirklich an die Songs erinnern, aber die Hände wussten gleich, was sie tun müssen.

Wie kam es zu der Idee, Blumfeld wieder auf Tour zu schicken?

Distelmeyer: Vor ein paar Monaten hat mich in Berlin ein Fan angesprochen, dass das „L’Etat et Moi“-Album heuer 20 Jahre alt wird und dass man da etwas machen müsse. Nein, habe ich mir gedacht. 20 Jahre? Kann nicht sein. Zuhause habe ich nachgerechnet und gemerkt, dass es doch stimmt. Dann habe ich mich wieder mit Eike und André getroffen. Wir hatten uns ein wenig aus den Augen verloren.

Eine Zweckgemeinschaft?

Distelmeyer: Wir würden nicht auf Tour gehen, wenn wir nicht alle Bock drauf hätten. Es ist auch keine Reunion in dem Sinne. Das würde beinhalten, dass es nach den Konzerten weitergeht und wieder neue Songs entstehen. Ich will das nicht ausschließen, aber geplant ist es nicht.

Sie haben Blumfeld einst aufgelöst, um eine Solokarriere zu machen. Voreilig?

Distelmeyer: Nein, denn es schien damals alles auserzählt. Wir haben mit der Band ja nur Platten gemacht, wenn es eine gewisse Dringlichkeit und Themen gab. Das war in der Form irgendwann nicht mehr gegeben.

Solo haben Sie bislang nur ein Album veröffentlicht. Schreibblockade?

Distelmeyer: Ich habe nach „Heavy“ die Arbeit an einem neuen Album aufgenommen. Das Problem war, dass ich Musik und Text nicht zusammengekriegt habe. Die Musik war recht schnell da, nur war sie nicht mit den Inhalten zu vereinbaren. Die waren zu komplex und umfangreich.

Dann haben Sie stattdessen einen Roman geschrieben?

Distelmeyer: Genau, der kommt Anfang nächsten Jahres raus. Eines Tages hatte ich das Glück, plötzlich die ersten vier, fünf Seiten eines Romans im Kopf zu haben. Der hat mich in den letzten Jahren beschäftigt. Nach dieser Arbeit ist es schön, wieder rauszukommen und aufzutreten.

Werden Sie „L’Etat et Moi“ originalgetreu nachstellen?

Distelmeyer: Darauf haben wir keinen Bock. Die Songs geben natürlich die Richtung vor. Aber es wäre langweilig, die genau wie auf der Platte zu spielen. Wir spielen auch nicht nur die eine Platte, sondern auch andere Songs.

In den letzten Jahren sind viele Bands mit ihren einflussreichsten Alben auf Tour gegangen. Von Blumfeld hätte man ein so nostalgisches Unterfangen nicht erwartet.

Distelmeyer: Dieses Museale im Pop mag ich überhaupt nicht. Das ist ein Zeichen dafür, dass Rock und Pop schon etwas ausgelaugt sind. Die Songs, die wir spielen, fühlen sich für mich aber sehr lebendig an, kein bisschen nostalgisch.

Aber ist es nicht komisch, als Songwriter ohne neue Songs
auf die Bühne zu gehen?

Distelmeyer: Wenn wir monatelang auf Tour wären, ja. Aber das sind jetzt nur neun Konzerte. Außerdem gibt es ja Ideen zu neuen Songs. Nach der Tour und dem Erscheinen des Romans möchte ich mit meiner Band neue Solo-Songs aufnehmen.

Die frühen Blumfeld waren von Hip-Hop beeinflusst. Nehmen Sie heute noch viel neue Musik wahr?

Distelmeyer: Wenig, weil ich zuletzt vor allem mit dem Roman beschäftigt war. Ich habe neue Musik gehört, aber das waren eher einzelne Songs, an denen man nicht vorbeikam. Wenn es um ganze Alben geht, greife ich meist auf etwas länger zurückliegende Sachen zurück. Das ist übrigens ein schöner Aspekt davon, auf Tour zu gehen: Ich werde wieder mit mehr neuer Musik konfrontiert.

Ein zentrales Stück jedes Blumfeld-Konzerts ist „Verstärker“, das früher in Coverversionen von Prefab Sprouts „Electric Guitars“ oder den Cole-Porter-Song „Ev’ry Time We Say Goodbye“ überging. Welche Version wird diesmal zu hören sein?

Distelmeyer: Wir haben uns schon was überlegt. Aber es soll natürlich bis zum ersten Konzert eine Überraschung bleiben.

Arena, Sa 20.00


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