Buch der Stunde

Ein Handlanger des Fortschritts, der in Armut lebt

Feuilleton | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 35/14 vom 27.08.2014

Die Austrifizierung des Hanser Verlags schreitet hurtig voran. Als letzter Zugang konnte der Wiener Robert Seethaler verbucht werden, der sich auch gleich mit einem alpenländischen Sujet einstellte. "Ein ganzes Leben" erzählt genau das: das ganze Leben des Andreas Egger, der als Stiefkind bei einem hartherzigen Bauern aufwächst und von dessen regelmäßigen Züchtigungen eine Behinderung davonträgt - er hinkt. Angesichts der Vita dieses einfachen, armen und arglosen Hilfsknechts, dessen frisch angetraute Frau bei einem Lawinenabgang stirbt, beschließt man schnell demütig, nie wieder die eigene Wohlstandsexistenz zu bejammern.

Das deutsche Feuilleton ist hin und weg vor lauter Ergriffenheit. Offenbar haben die Kritiker in den Redaktionen von Berlin, Frankfurt und sonst wo ob ihrer klammheimlichen Sehnsucht nach einer Rehabilitation des Ruralen ihr ureigenstes Besteck gegen ein stumpfes Speckmesser eingetauscht. Denn so anrührend diese Lebensgeschichte auch ist, so wenig lässt sich


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