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Seit einem Jahr gibt es den "Welcome Desk", eine Servicestelle für Zuwanderer. Wie schaut die offizielle Willkommenskultur hierzulande aus?

REPORTAGE: MARIA MOTTER | Steiermark | aus FALTER 35/14 vom 27.08.2014


Foto: J.J. Kucek

Foto: J.J. Kucek

Zwei Stühle für Wartende stehen in der Grazer Reitschulgasse 19 bereit. Eintritt zum „Welcome Desk“ gewährt eine gläserne Schiebetüre, von der Straße aus ist der Beratungsraum für Passanten einsehbar. „Wir haben für alle geöffnet. Es ist auch möglich, dass Österreicherinnen und Österreicher herkommen“, erklärt Martin Häusl, Leiter des Integrationszentrums Steiermark vom Österreichischen Integrationsfonds. Und es kommt durchaus vor, dass diese vorbeischauen und „ihre Erfahrung mit Migrantinnen und Migranten kundtun“, wie Häusl dem Umstand euphemistisch Ausdruck verleiht, dass Steirer schon einmal hereinplatzen und losschimpfen. „Mir ist lieber, sie kommen hierher, als sie prügeln sich mit ihren Nachbarn“, gibt er sich gelassen. Ansonsten kommen Leute etwa deshalb hierher, weil sie in Buchhandlungen vergeblich Wörterbücher für hier kaum gesprochene Sprachen suchen oder sich für einen Deutschkurs anmelden möchten. 3500 Beratungen weist die Bilanz des „Welcome Desk“ nach einem Jahr aus. Es ist die erste offizielle Anlaufstelle für Zuwanderer in der Steiermark und soll die Türen zum Leben in Österreich öffnen.

Spannung herrscht beim Deutschkurs im dritten Stock des Hauses. Nicht etwa, weil das Perfekt aus der Mode ist und auch in der gesprochenen Sprache das Imperfekt bevorzugt wird. Sondern weil die Geburtsländer der Teilnehmer derzeit ständiges Thema der Radionachrichten sind. Erwachsene aus dem Irak, dem Iran, aus Ägypten, Syrien, Afghanistan, Nigeria und der Mongolei sitzen an den Tischen. Das Cover der Kursbücher ziert das „Friendly Alien“, das Kunsthaus Graz. Die Lehrerin Audrone Leisenberger ist eine herzliche, umsichtige Person. Deutsch lehrte sie zuvor an einer Uni in Lettland. „Doch dann habe ich meinen Mann kennengelernt, er ist Österreicher.“ Sie schwärmt von Land und Leuten hier, auch von ihren Kursen und hofft, „dass auch meine Teilnehmer zufrieden sind“. Und dann bindet sie gleich ihre erwachsenen Schüler ins Gespräch ein.

Die Mongolin Erdene spricht sehr schnell, anscheinend vor Begeisterung. Für den Deutschkurs hat sie ihre Schicht getauscht, sie lebt seit zehn Jahren in Österreich und arbeitet in der Wäscherei im Landeskrankenhaus Graz. Für längere Gespräche ist dort nicht die Zeit, deshalb will Erdene „richtig Deutsch und auch die Grammatik lernen“. Die ersten fünf Jahre in Österreich hatte Erdene keine Arbeit, sie und ihr Mann versuchten, mit Fernsehen Deutsch zu lernen. Es gibt in Graz zwar einige Angebote an Kursen, etwa bei Isop oder dem Verein „Deutsch und mehr“, dennoch sind die Wartezeiten enorm. Um den Kurs im Integrationszentrum Steiermark zu belegen, nahm Erdene sechs Monate in Kauf. „Den Deutschkurs ‚B1‘ brauche ich für die Staatsbürgerschaft“, erklärt die gebürtige Inderin Kalyani. Einer der Männer im Kurs blickt auf das Poster einer Gruppenarbeit und fragt ungläubig: „Tschetschenien – ist das dein Land?“ Ein kurzer Smartphone-Check bestätigt es. Kalyanis Sitznachbarin kommt aus dem Iran und ist Malerin, doch sie möchte sich nach einer anderen Erwerbsarbeit umsehen.

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