Der Farbenfakir

Die Albertina ehrt Arnulf Rainer, der zu den Großen der Malerei gehört. Der Weg dahin war hart

Lexikon | aus FALTER 36/14 vom 03.09.2014


Bis an die Grenzen des Selbst: Arnulf Rainers „Face Farces“, 1972 (Foto: Albertina)

Bis an die Grenzen des Selbst: Arnulf Rainers „Face Farces“, 1972 (Foto: Albertina)

Die Malerin Maria Lassnig nannte Arnulf Rainer einmal Österreichs ersten Hippie. „Es imponierte mir, dass er sich nie wusch und die Haare zu einem weiten Gestrüpp wachsen ließ, das so gut in seine Zeichnungen passte“, schrieb die im Mai verstorbene Malerin, die Rainer 1949 kennenlernte und einige Zeit mit ihm zusammen war. „Dann schor er sich wieder einen Sträflingsglatzkopf zurecht, auf dem kleine Haarinseln bewusst verteilt waren, welche auch sehr gut zu den Zeichnungen passten.“

Die Albertina ehrt den Hippie avant la lettre, der im Dezember den 85. Geburtstag feiert, mit einer Retrospektive. Er ist einer den wenigen österreichischen Künstler, die sich auch im Ausland einen Namen gemacht haben. Die großen Museen widmeten ihm Ausstellungen. Er war Gast von Documentas und Biennalen, zu Hause gab es zuletzt 1997 in der Kunsthalle Krems und 2000 im Kunstforum Wien Überblicksausstellungen.

In seiner Heimatstadt Baden bei Wien eröffnete 2009 gar ein Arnulf-Rainer-Museum. Aus dem Rebellen ist ein Grandseigneur geworden, dessen Werk sich indes jene von Lassnig angesprochene Qualität bewahrt hat. Rainers Bilder sind Selbstporträts, die keine Äußerlichkeiten darstellen, sondern die Pole eines ästhetischen Programms. So wie Rainer einmal ein Hippie, dann wieder ein Punk ist, arbeitet er einerseits mit softer Gelassenheit, dann wieder scharf wie ein Messer. In dieser Malerei ist immer alles mit seinem Gegenteil schwanger.

Der 1929 Geborene hat keinen leichten Start. Im Schnelldurchlauf arbeitet er die von den Nazis verbotenen
Ideen der Avantgarde auf. Erste Eindrücke bekommt Rainer in den Ausstellungen des British Council in Klagenfurt, wo moderne Kunst gezeigt wird. Frühe Zeichnungen zeigen wabernde, von Amöben und Föten bevölkerte Traumwelten, die der Bildwelt des Surrealismus verpflichtet sind.

Wenige Jahre später malt Rainer abstrakt-geometrische „Proportionen“. Diese Bilder aus farbigen Rechtecken, Streifen und Scheiben knüpfen an das Gedankengut des Konstruktivismus, einer weiteren Strömung der Zwischenkriegszeit, an.

Hier geht es nicht um den Traum, sondern um die rationale Präzision. Mit dem Lineal lässt sich die subjektive Handschrift des Künstlers, das Markenzeichen des genialen Künstlers, ausschalten. „Künstler sein und die Kunst verachten“ heißt ein bekannter, im Alter von 23 Jahren formulierter Slogan Rainers.

Die Zerstörung des Frühwerks offenbart das Ethos einer Haltung, die dem unerbittlichen Befehl gehorcht: vorwärts! Was sich Rainer in einer weit ausholenden Bewegung aus den Ismen der 20er-Jahre angeeignet hat, schleudert er nun nach vorne.

Die Fitness für diese Ausflüge an die Grenzen des Selbst holt er sich in wochenlangen Selbstkasernierungen, die er einmal „Abtötungs- und Vollkommenheitsübungen“ nennen wird. Man kann darin eine unbewusste Reaktion auf die vier Jahre in der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt in Traiskirchen erkennen, in der die Nationalsozialisten das Ideal eines gepanzerten Soldatenkörpers lehrten.

Rainer stellt sich in seinen Kunstexerzitien der dunklen, leidenden Seite des Heldenwahns. Und er fühlt sich jenen Quellen künstlerischen Ausdrucks verwandt, die von den Nazis als „entartet“ stigmatisiert wurden. Früh sammelt er die Kunst von Menschen mit seelischen Störungen, sogenannten „Geisteskranken“, inszeniert sich öffentlich selbst als ein solcher.

Anfang der 1950er-Jahre trifft Rainer den katholischen Priester Monsignore Otto Mauer, der 1955 in Wien die Galerie St. Stephan gründet, die bis in die späten 1960er-Jahre Österreichs wichtigste Avantgardegalerie ist. In dieser Zeit entsteht Rainers bekannteste Werkgruppe, die „Übermalungen“. Eigene Malereien und die anderer Künstler werden mit monochromen Farbschichten bedeckt. Der Farbenfakir sieht in den Übermalungen keinen Akt der Zerstörung, sondern eine Vervollkommnung, die Suche nach dem totalen Bild. Wie Lava quellen die Verdickungen an den Bildrand, Resultat einer auf die Leinwand projizierten Arbeit an sich. Rainer liest mittelalterliche Mystiker, entleert die Bilder, um dem Absoluten näherzukommen.

Nur die Harten kommen in den Garten. „Der Künstler muss permanent der heroische Zunichtemacher sein, weil er der Gläubige ist“, schreibt er 1954. Rainers Werk wäre in hohlem Pathos erstarrt, hätte er nicht immer wieder den Ernst durch Humor, die Mystik durch aktuelle Formen der Welterkenntnis gebrochen.

In den Sixties experimentiert er mit LSD, macht in Fotoautomaten Grimassenfotos. Es entstehen Serien von überarbeiteten Posen, den „Face Farces“. 1981 wird Rainer Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien, eine Tätigkeit, die 1994 abrupt endet. Unbekannte Täter haben in seinem Atelier an der Akademie 26 Gemälde zerstört. Was für ein Tragödie für einen Künstler, der das Malen als „eigentliche Form des Lebens“ proklamierte.

Albertina, bis 8.2.2015


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