Andreas Salcher: ein gutes Signal für die ÖVP, sofern sie auf ihn hört

Politik | INGRID BRODNIG | aus FALTER 37/14 vom 10.09.2014

Eines ist sicher: Viele Lehrerinnen und Lehrer sind entsetzt, dass nun ausgerechnet Andreas Salcher die ÖVP in der Bildungspolitik berät, jener Unternehmensberater, der auch Bestseller über das kaputte Schulsystem schreibt und gerne über die "negative Motivationskultur" schimpft, "die das ganze System beherrscht und Eigeninitiative und Reformgeist von idealistischen Lehrern behindert".

Für viele Lehrer ist Salcher der "Feind von außen", der es sich anmaßt, ihre Arbeit zu kritisieren, obwohl er gar nicht aus dem Schulapparat kommt. Salcher, 53, hat nicht Lehramt studiert, sondern Betriebswirtschaft an der WU und in Harvard.

Als er für die ÖVP im Wiener Gemeinderat saß, war er nicht ihr Bildungssprecher, sondern leitete den städtischen Kulturausschuss. Und doch ist es unfair (und sachlich falsch), ihm Kompetenz in Bildungsfragen abzusprechen: Die hat er sich über Jahre hinweg erarbeitet. Etwa als er 1993 die "Sir Karl Popper Schule" für hochbegabte Kinder gründete, gemeinsam mit Bernhard Görg, dem einstigen Wiener ÖVP-Chef. Oder als er für seine Bücher recherchierte, Schulen in Südkorea besuchte oder mit Forschern des renommierten MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, sprach. Gerade weil er von außen kommt, tut er sich leichter, das System zu hinterfragen -dazu zählt die 50-Minuten-Stunde, die Salcher abschaffen will, weil sie echte Vertiefung ohnehin nicht ermögliche.

Die entscheidende Frage ist: Wie weit ist die ÖVP bereit, ihm zuzuhören? Im Bildungsbereich fügt sie sich meist den schwarzen Lehrergewerkschaftern, die am Status quo möglichst wenig verändern wollen. Bisher geht Salcher diplomatisch vor. Er bezeichnet die Gesamtschule der Zehnbis 14-Jährigen als "Fernziel", will lieber über inhaltliche Fragen des Unterrichts oder des Lehrberufs sprechen. Damit verärgert er sicher weniger Parteikollegen, als wenn er gleich das gesamte Schulsystems infrage stellt. Wenn ihm die ÖVP nur ansatzweise folgt, ist das jedenfalls schon ein Fortschritt.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige