Der Da-Vinci-Code

Eines der retromäßigsten Kult-Lokale der Stadt hat wieder offen. Ganz anders

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 37/14 vom 10.09.2014


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Den Stephansdom sieht man als Wiener normalerweise öfter, als man seine Türmerstube erklimmt. Die meisten machen das einmal, viele waren noch gar nicht oben. Beim Ungar Grill in der Burggasse war das ungefähr genauso: Man sah das Lokal mit der geschwungenen Neonschrift ungefähr 1000-mal beim Vorbeifahren, drin war man dann aber eher nie. War schließlich so schräg, dass es eigentlich schon wieder nicht mehr lässig war, und so gut, dass man das völlig abgerockte Ambiente und die mit nur minimaler Distanz live vorgebrachte Zigeunermusik aushalten konnte, war das Essen dann ja doch nicht. Also eher gar nicht.

Vor geraumer Zeit machte der Ungar Grill nach mehr als 50 Betriebsjahren jedenfalls zu, was dann doch irgendwie schade war, und umso erfreulicher stimmte die Nachricht, dass da gerade wieder neu übernommen werde. Ende voriger Woche machte der Ungar Grill neu jedenfalls wieder auf.

Die Betreiberinnen haben geputzt und poliert, dass es nur so eine Freude ist, der Grind ist weg, die schwarze Lamperie in Verbindung mit den Linoleumböden hat jetzt wieder was, junge Menschen in alten Lokalen, ein guter Kontrast, der schon im Rebhuhn, im Roten Bären, im Café Markusplatz und noch ein paar anderen Beisln gut funktioniert.

Besonders schön im Ungar Grill ist natürlich der Garten im Innenhof des Biedermeierhauses mit umlaufenden Pawlatschen, die von ihren Bewohnern übrigens artgerecht zur Trocknung von Kleidung benützt werden. Man
unterhält sich auch quer über den Hof bzw. hört man bei offenen Fenstern ohnehin alles, was in den Wohnungen gerade los ist. So wie früher. Bisschen seltsames Gefühl, im Lokal sitzend eher der die Anrainer Beobachtende zu sein als, wie sonst immer, umgekehrt.

Küche und Lüftung seien sich noch nicht ausgegangen, erklärt Darija Kasalo, eine der Betreiberinnen, daher gibt’s einstweilen nur Brote. Was halt ein bisschen hart ist, weil ein Ungar Grill ohne Hirtenspieß ist wie das Beograd ohne „brennendes Hunnenschwert“.

Das Speckbrot ist dann eh nett, mit Perlzwieberln und Gurkerln und Krenaufstrich und Speck der Familie Fuchs vom Brunnenmarkt (€ 7,20). Und auch die Käseplatte mit vier Schweizer Käsen hat ihre Höhepunkte (€ 12,50). Ob viele Leute das vegane Schmalzbrot um 5,60 Euro nehmen, bleibt abzuwarten, und dass es Butterbrot auch vegan gibt, wundert uns auch nicht mehr. Auf das würde Betriebshund Da Vinci aber wahrscheinlich nicht so reflektieren wie auf Käse und Speck, da war er kaum mehr wegzubekommen.

Wenn das mit der Küche noch was wird, wär’s jedenfalls fein, sonst hätte sich die zweifellos gelungene Renovierung ja irgendwie nicht so recht gelohnt. Außer natürlich, man kommt wegen Da Vinci. Oder wegen dem Pawlatschen-Theater.

Resümee:

Der Ungar Grill hat wieder offen, allerdings ohne Grill, dafür mit Hund und veganem Schmalzbrot. Und auf den Pawlatschen herrscht Stimmung.

Ungar Grill
7., Burggasse 97
Tel. 01/522 41 69
Di–Sa 16–2, So 13–20 Uhr
www.ungargrill.at


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