Stadtrand Urbanismuskolumne

Ohne Ausweis keine goldene Nase

Stadtleben | aus FALTER 38/14 vom 17.09.2014

Vergangene Woche in einem Innenstadtgastgarten: Ein Pen sionistenpärchen sitzt dinierend an einem mit üppigen Speisen beladenen Tisch, als ein junger Bursche an die beiden herantritt und ihnen in gebrochenem Deutsch die aktuelle Augustin-Ausgabe zum Kauf anbietet. "Schau, dass d'weiterkommst!", blafft ihn der Mann an. Und weil der junge-Mann einen Moment zögert, ruft die Frau: "Geh ma, sonst ruf ich die Polizei!" Als der Bursche verschwunden ist, sagt sie zu ihrem Mann: "Hast g'sehn: Das war gar kein Echter. Der hat keinen Ausweis gehabt! Die glauben auch, sie können uns für dumm verkaufen und sich an uns eine goldene Nase verdienen."

Der Bursche sitzt auf einer Bank eine Gasse weiter. Er heißt Nicu, ist 14 und Rumäne. Vater, Mutter und er arbeiten als Kolporteure, erzählt er. Täglich circa zwölf Stunden lang. Einen offiziellen Ausweis hat aber nur der Vater. Weil es schon zu viele Kolporteure gebe, seien die schwer zu kriegen. Deshalb teilt sich die Familie die Zeitungen. "Ist meine Arbeit deshalb weniger wert? Ist sie weniger echt?"


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