Musiktheater Kritik

Seele und Freiheit gegen verlogene Moral

Lexikon | HR | aus FALTER 38/14 vom 17.09.2014

Erst in den letzten Jahren wurde Tschaikowskis zu Lebzeiten durchgefallene und als anstößig empfundene Ober "Charodeyka" ("Die Zauberin") als lohnende Entdeckung verbucht. In der Inszenierung von Christof Loy steht die großartige Asmik Grigorian als umworbene Wirtin Kuma im Mittelpunkt der Freiheitshoffnungen aller, die sich immer wieder in ihr Gasthaus am Stadtrand von Nischni-Nowgorod flüchten, um dort ohne Standesunterschiede saufen und fröhlich sein zu können. Nur ihre Feinde, Kirchenobere und Beamte, voran Schreiber Mamyrow (mit profundem Bass Vladimir Ognovenko), betrachten sie als Hexe und Zauberin, die nichts als Sittenlosigkeit und Aufbegehren hervorruft, alle anderen sehen sie als die "Bezaubernde" und verehren sie als ihren Engel. Sie singt eine berührende Arie: Frei kann nur sein, wer die Freiheit der Welt in seinem Herzen trägt.

Das Treiben im Gasthaus wird von vielen Solisten, deren "russische" Stimmgewalt mühelos auch große Häuser füllen würde, und dem viel beschäftigten Chor im glänzend komponierten ersten Akt mit einem tollen Acapella-"Dezimett" zu zehnt auf die Spitze getrieben, als der von Bariton Vladislav Sulimsky gesungene Fürst und Statthalter, der den Reizen Kumas verfallen ist, den Beamten zum Tanzen zwingt. Im Haus des Fürsten stellt die von Mamyrow informierte Fürstin den sich autoritär gebärdenden Fürsten erfolglos zur Rede, entledigt sich ihrer Perücke und wandelt sich zu einer Frau. Ihren Sohn Juri heuert sie an, die Schande zu rächen. Es kommt, was kommen muss: Kuma weist den Fürsten zurück, gesteht Juri ihre Liebe, die beiden wollen flüchten, doch sie wird von der Fürstin vergiftet, der erzürnte Vater tötet den Sohn und singt eine Wahnsinnsarie. Wie immer bei Tschaikowski ist das plakatives Pathos und doch exzellente Musik.

Theater an der Wien, Fr, So, Di 19.00 (bis 26.9.)


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