Unter einem Berg Erinnerungen

Ein Symposium und Literaturfest in der Obersteiermark ehrt den legendären Dichter und Dandy Konrad Bayer. Eine Annäherung

Steiermark | ELOGE: GÜNTER EICHBERGER | aus FALTER 38/14 vom 17.09.2014


Foto: Ingrid Wiener

Foto: Ingrid Wiener

Konrad war einer der ersten, die in Wien einen marineblauen blazer trugen. Das war noch lange vor der zeit, da er alles berufliche an einen sorgfältig vorbereiteten nagel hing, um sich nur mehr den frauen und dem schreiben poetischer texte zu widmen.“ In H.C. Artmanns Erinnerungen an ihn ist Bayer noch am Leben, er hat ihn nur seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Und in der Tat ist Bayer, der sich 1964 mit 32 Jahren das Leben nahm, ungebrochen präsent: durch sein herausragendes experimentelles Werk und seine filmische Zusammenarbeit mit Ferry Radax und Peter Kubelka. Eine Präsenz allerdings, die eine breitere Öffentlichkeit trotz oder wegen seines Ruhms als Ikone der Nachkriegsavantgarde nicht wahrnimmt. Bayer wünschte sich „den bemühten leser, der einige anstrengungen auf sich zu nehmen bereit ist“, was schon damals ein frommer Wunsch war. Seine Sprachskepsis führte ihn zur konsequenten Problematisierung literarischer Sinnkonstitution. Wegen dieser Radikalität blieb er laut dem Bayer-Spezialisten Ulrich Janetzki ein „Autor für Autoren“.

Anlässlich seines 50. Todestages findet diese Woche in Neuberg an der Mürz und im Kunsthaus Muerz ein Symposium zu diesem legendären Dichter statt. „Heute sind ihm emsige Germanisten / näher als manche seiner Freunde“, schrieb Elfriede Gerstl in einem Widmungsgedicht. Und so ist neben Freundinnen und Weggefährten wie Ingrid und Oswald Wiener, Ida Szigethy und Gerhard Rühm vor allem die deutende Zunft vertreten. Konzipiert hat die Veranstaltung der Wiener Literaturwissenschaftler Thomas Eder. Er möchte insbesondere jungen Menschen Zugänge zum Werk Bayers verschaffen, diesem „noch nicht recht entdeckten Kontinent der österreichischen Literatur“. Angesichts der Massenware und der vergleichsweise altbackenen Novitäten der Literaturbetriebsamkeit kann ein Monolith wie Bayer umso mehr faszinieren. Vor zwei Jahren widmete ihm die deutsche Literaturzeitschrift Schreibheft ein umfangreiches Dossier. Im Verlag Jung und Jung erscheint demnächst eine Neuausgabe seiner langen Prosa „der kopf des vitus bering“. Steht Bayer vor einem Comeback? Nicht nur Thomas Eder hofft darauf. Vorher müsste sich nur die gesamte Literaturlandschaft von Grund auf umgestalten.


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