Enthusiasmuskolumne Diesmal: der beste Dichterhausbesuch der Welt der Woche

Auf und ab auf dem Rad zu Wystans Wigomat!

Feuilleton | MAIK NOVOTNY | aus FALTER 38/14 vom 17.09.2014

Was tun, wenn sich der Sommer für einen Tag doch noch auf seine Kernkompetenzen besinnt und man sich soeben ein Midlife-Rennrad zugelegt hat? Man radelt Richtung Westen, ruft den aufgestauten Autofahrern am Altmannsdorfer Ast ein hämisch Nelson-Muntz'sches "Haaha!" entgegen und verschwindet im Wienerwald.

Sulzer Haarnadel, Wöglerin-Steigung, Forsthofer Sturzschlucht, ein mehrhebiges Auf und Ab auf besonntem Asphalt, gesäumt von leider mehrheitlich verwaister und tumbleweedumwehter Gastronomie, was im Falle des "Schusternazl" auch an der etwas unglücklichen Fonetik liegen mag. Als wäre das noch nicht genug Poetry in Motion, bietet sich als ideales Tagesziel auch noch das Audenhaus in Kirchstetten an, wodurch der schnöde Sport kulturell hochgejazzt wird. Im Haus mit der Adresse Hinterholz 6 verbrachte der englische Dichter W.H. Auden die letzten 16 Jahre seines Lebens. W.H. steht übrigens für Wystan Hugh.

Nach 70 Kilometern rast man auf einer praktisch senkrechten Straße ins von der Westautobahn durchschnittene Kirchstetten, um dort im Audenhaus keuchend den Radlerschweiß auf Vitrinen und Gästebücher zu verteilen, während der nette Audenhausmeister, Herr Weinheber-Janota, erzählt, wie sich Auden sonntags in Kirche und Wirtshaus unter die Dorfbevölkerung mischte.

Des Dichters Schreibstube sieht genauso aus, wie man sie sich vorstellt. Dann aber entdeckt man auf dem Bücherschrank ein mausgraues Gerät mit der Aufschrift "wigomat 140". Dieses Designerkleinod der 1960er-Jahre war eine der ersten Filterkaffeemaschinen überhaupt. Der als technikfeindlich bekannte Auden brütete hier also nicht nur, er brühte auch -und das mit Hightech im Hinterholz.


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