Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Transparenz

Falter & Meinung | aus FALTER 38/14 vom 17.09.2014

Manchmal bedaure ich es wirklich, dass in dieser Kolumne kein Bildelement zur Verfügung steht. Zu zeigen hätten wir nämlich einen jungen Mann, dessen akkurate Föhnfrisur, dessen gutsitzendes Pepitasakko und dessen tadellos gebundene Paisleykrawatte ihn allein schon zum Liebling sämtlicher Schwiegermütter qualifiziert hätten, wäre da nicht noch ein Lächeln gewesen, das man wohl nur in Kenntnis der folgenden Geschichte nicht als "lieb", sondern als "hintergründig" deutet.

Es ging um das Team des neuen Wiener Bürgermeisters Michael Häupl, und der smarte junge Mann hieß Werner Faymann. Bernhard Odehnal porträtierte ihn als Pragmatiker, der zum Beispiel seinem Liesinger Obmann Franz Löschnak, dem damals wegen seiner Ausländerpolitik stark in der Kritik stehenden Innenminister, seine Kritik "nur persönlich" mitteilen würde, nie über die Medien. "Sechs Jahre Vorsitz der Sozialistischen Jugend und zehn Jahre in der SP-Gemeinderatsfraktion sind eben eine gute Schulung in Parteidisziplin", ergänzte Odehnal. Faymann, zu dieser Zeit Obmann der Mieterschutzvereinigung, sagte, er habe ein besonderes Anliegen: "Offenheit und Transparenz."

So Gutes wusste Odehnal von Fritz Svihalek nicht zu berichten, der als Verkehrsstadtrat vorgesehen war. Immerhin: Die Grünen freuten sich auf ihn, er werde ihnen "Wähler zutreiben", sagte Christoph Chorherr. Am besten kam noch die zukünftige Sozialstadträtin Grete Laska weg.

Im Feuilleton rezensierte Sigrid Löffl er den neuen Theweleit. Ihr und sein Resümee: Die Kooperation mit der Macht hat jeden Künstler um seine Kunst gebracht.

Thomas Mießgang beurteilte einen Bildband zu Madonnas Tour "The Girlie Show" knapp: "Trübe Kloake ausgelaugter Porno-Phantasien." Auch hier ging es um Transparenz, "wenn wir Baudrillard als kategoriale Instanz akzeptieren: ,Die Verführung drängt zum Geheimnis, die Liebe dagegen zum Bekenntnis, das heißt zur Transparenz, also zur Obszönität. Die Verführung schweigt, die Liebe schwatzt.'" Insofern regiert heute die Diskretion. AT


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