Nachgetragen Journal mehr oder weniger bedeutender urbaner Begebenheiten

In Wien: Jón Gnarr, erfolgreichster Satire-Politiker Europas

Politik | BENEDIKT NARODOSLAWSKY | aus FALTER 39/14 vom 24.09.2014

Auf den Ringfinger hat sich Jón Gnarr einen schlichten Totenkopfring gesteckt, am rechten Unterarm das Logo der Anarcho-Punk-Band Crass, am linken Unterarm leuchtet ein zweites Tattoo hellblau, das Wappen von Reykjavík. 2010 wurde der Punk Bürgermeister der Hauptstadt Islands - und zählte seither zu den schrillsten Politikern Europas.

Hier am Gaußplatz, im kleinen Veranstaltungsraum des Kulturvereins Aktionsradius Wien, spricht er nun mit besonnener Stimme über seine Zeit an der Macht und wirkt dabei weniger wie ein Anarchist, sondern vielmehr wie ein braver Familienvater, der mal kurz übers Meer flog, um einer Handvoll Wiener Journalisten ein paar Anekdoten von seinen Kindern zu erzählen. "Es war ein totaler Schock", sagt er etwa über seinen überraschenden Wahlsieg im Jahr 2010, "es fühlte sich so an, als ob mich jemand in eine Rakete gesteckt und zum Mars geschossen hätte."

Zum zweiten Mal gelang es dem Aktionsradius, Gnarr nach Wien zu lotsen. Die öffentliche Abendveranstaltung vergangenen Mittwoch musste wegen des Besucherandrangs in die Bunkerei im Augarten verlegt werden. Grund für das Interesse war nicht zuletzt Gnarrs unglaubliche Karriere, die er im Buch "Hören Sie gut zu und wiederholen Sie" niederschrieb: Nachdem die Finanzkrise über Island geschwappt war und die Insel finanziell verheert hatte, gründete Gnarr 2009 die "Beste Partei", eine Satire-Bewegung, die die Politik parodieren wollte. Im Wahlkampf 2010 forderte er einen Eisbären für den Reykjavíker Zoo und versprach, alle Wahlversprechen zu brechen. Die politisch frustrierten Menschen wählten ihn trotzdem zu ihrem Bürgermeister.

Vier Jahre lang machte der Komiker ernste Politik und meisterte dabei eine Herkulesaufgabe: die Sanierung der maroden Stadtfinanzen. Im Sommer legte Gnarr sein Amt zurück, in internationalen Medien bekam er ungewöhnlich gute Kritiken. Sein Geheimnis: "Ich habe versucht, immer ehrlich zu sein."


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