Kunst Kritik

In der Dunkelkammer mit samtenen Wänden

Lexikon | NS | aus FALTER 39/14 vom 24.09.2014

Black is beautiful: Das gesamte Grafische Kabinett der Secession ist derzeit von einer samtenen schwarzen Schicht bedeckt. Die Betrachter können nur einen schmalen Streifen Parkettboden betreten, den Cinthia Marcelle in ihrer Installation freigelassen hat. Tagelang sprühte die aus Brasilien stammende Künstlerin rußartige Partikel in den Raum und das Ergebnis macht wirklich viel her.

Zunächst entsteht der Eindruck einer Fotografie im Negativ, denn Flächen wie die Fensterscheiben sind dunkel, wohingegen die Kanten und Ecken hell geblieben sind. Die pudrige Oberfläche erinnert auch an das Pigment, mit dem Yves Klein seinen monochrom blitzblauen Gemälden ihren so besonderen stofflichen Charakter verlieh.

Eine Vitrine vor dem genial verwandelten Raum hat die 1974 in Belo Horizonte geborene Künstlerin bis oben hin voll mit Streichholzschachteln gefüllt, so als würde es sich um ein Vorhernachher-Szenario des Zündelns handeln. Die Arbeit trägt den Titel "Temporário (Edelweiß-Zünder)", zeigt die gestapelten Schachterl aber nur als Raster. Im Begleittext zur Schau wird darauf verwiesen, dass die Secession im zweiten Weltkrieg durch Bomben beschädigt wurde. Es soll also auch ein Verweis auf historische Verheerungen mitschwingen, der aber erst durch den Text klar wird.

Kryptisch bleibt hingegen ein im Stiegenaufgang hängendes Foto, das eine Frau im Putzdress vor einer ummauerten Felswand zeigt, die mit einem Bein in einem Kübel voll schwarzem Wasser steht. Die Fotografierte wendet sich zum Betrachter, ganz so, als wollte sie wissen, wie er zu ihrem Missgeschick steht. Der Titel der Ausstellung "Dust Never Sleeps" könnte aber auch auf die Sisyphosarbeit anspielen, der es bedarf, die ständigen Mikrodynamiken des Verfalls aufhalten zu wollen.

Secession, bis 2.11.


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