Kommentar Ulrich Seidl und die bösen Buben

Herr Ochs, der Nazi-Keller und das Ethos des Dokumentarfilms

Falter & Meinung | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 39/14 vom 24.09.2014

In Ulrich Seidls jüngstem Film "Im Keller" tritt Herr Ochs auf, ein auf den ersten Blick sympathisch und arglos wirkender Schnurrbartträger, der sich in seinem mit Nazi-Devotionalien vollgerammelten Keller gemeinsam mit seinen Blasmusikspezln zuschweißt.

Seit letzter Woche ermittelt die Staatsanwaltschaft tatsächlich gegen alle fünf aus der feuchtfröhlichen Runde wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Verbotsgesetz. Zwei davon, die als ÖVP-Gemeinderäte aus dem burgenländischen Ort Marz identifiziert wurden, sind aus ihren Funktionen zurück-und aus der Partei ausgetreten. Der Regisseur verwahrte sich gegen den Vorwurf, er hätte seine Darsteller überrumpelt oder manipuliert: "Das ist eins zu eins und nichts erfunden", erklärte er in einem APA-Interview.

Nun haben die Betroffenen Werkverträge vorgelegt, die sie als "Komparsen" in der "Rolle" von "Musikanten" ausweisen. Der Wortlaut beweist noch nichts, wirft freilich die Frage auf, ob Seidls Credo "Sobald man die Kamera wo aufstellt, verändert sich die Wirklichkeit" eine Einsicht in die Inszeniertheit des Dokumentarischen formuliert oder bloß eine bequeme Ausrede dafür ist, es als Filmkünstler mit Fakten und Fiktionen so genau auch wieder nicht nehmen zu müssen.

Ob jemand als Selbstdarsteller oder in einer ihm zugewiesenen Rolle auftritt, macht einen entscheidenden Unterschied; ihn willkürlich zu ignorieren wäre unredlich und gegen jegliches Ethos des Dokumentarfilms gerichtet. Einen solchen zeigt ORF 2 am 29.9. um 22.30 Uhr. Er heißt "Ulrich Seidl und die Bösen Buben" und dokumentiert den Dreh von "Im Keller". Vielleicht weiß man danach ja mehr über die berüchtigte "Methode Seidl".


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