Neue Bücher Konsum und der Erste Weltkrieg

Feuilleton | aus FALTER 39/14 vom 24.09.2014

Spiegel-Journalist Jörg Schindler dokumentiert in "Stadt, Land, Überfluss. Warum wir weniger brauchen, als wir haben" die Ursachen und Folgen einer von Gier getriebenen Konsumgesellschaft. Glücklicherweise leistet er dabei auch etwas, was andere Autoren solcher Fühl-dich-schlecht-Literatur verabsäumen: Er zeigt, dass es auch anders geht.

Jedes der zehn Kapitel beschreibt einen Aspekt unseres Alltags, der ihm verbesserungswürdig erscheint - und präsentiert gleichzeitig Menschen, die es anders machen: einen Fußballverein, der nicht um jeden Preis zu gewinnen versucht, sondern dem ein schönes Spiel das Wichtigste ist, oder einen Ex-Banker, der aus der Karriere ausgestiegen ist und nun Suchtkranke pflegt, jegliche Beförderung ablehnt und glücklich ist. Mit solchen Beispielen spendet der Autor zumindest ein bisschen Trost, auch wenn man sich nach der Lektüre nicht gerade aufgebaut fühlt. OS

Jörg Schinderl: Stadt, Land, Überfluss. Warum wir weniger brauchen, als wir haben. Fischer, 272 S., € 15,50

Mitte der 1970er-Jahre veröffentlichte der deutsche Journalist, Kritiker und Herausgeber Uwe Nettelbeck eine Textmontage über die Dolomitenfront im Ersten Weltkrieg, das soeben neu aufgelegt wurde. Darin fügt er Zeitungsmeldungen, Erinnerungen von Generälen und wissenschaftliche Artikel über die Einwirkung von Kälte auf den menschlichen Körper zu einer Collage mit Sogwirkung zusammen. Das Leiden der Soldaten in den Gletscherhöhlen der Marmolada wird anschaulich, zugleich wird durch das Zitathafte eine Distanz hergestellt.

Man weiß, dass es sich um heroisierende Erzählungen handelt. Durch diesen Verfremdungseffekt arbeitet der Autor einen Missbrauch zweiter Ordnung heraus. Erst starben die Soldaten im Schützengraben, ein zweites Mal dann in der verklärenden Überlieferung. Der Nebenschauplatz des Großen Krieges gleicht auf einmal einer konservierten Leiche, die vom Gletscher freigegeben wurde. MD

Uwe Nettelbeck: Der Dolomitenkrieg. Berenberg, 151 S., € 20,60


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